Vor sieben Jahren verzückte sie 150 Millionen Fernsehzuschauer, als sie für die Schweiz am Eurovision Songcontest (ESC) auftrat. Letztes Jahr reichte es der Estin Triinu Kivilaan noch zum Seite-1-Girl des «Blicks», wo sie erzählen durfte, wie ihr erstes Mal war («Nicht der Rede wert») und was sie im Bett trägt («nichts»). An die erfolgreichen Zeiten denkt das ehemalige Vanilla-Ninja-Mitglied aber ohne Wehmut zurück. «Ich bin Schuhverkäuferin und sehne mich nicht nach einem Leben als Star», sagt die heute 23-Jährige im Gespräch mit der bz.

Den Eltern ein Haus gekauft

Mit 15 Jahren begann der kometenhafte Aufstieg Kivilaans. Nach nur acht Jahren beendete sie in Estland ihre Schulkarriere. Sie sollte schaffen, was ihrer Mutter nicht gelang: ein Popstar zu werden. Im Sommer 2004 ersetzte sie bei der Girlgroup Vanilla Ninja Maarja Kivi, die aufgrund ihrer Schwangerschaft die Band verliess. Es folgten eineinhalb Jahre im Rampenlicht und auf Tourneen: Höhepunkt war der achte Platz am ESC im Jahr 2005.

Kivilaan, damals immer noch ein Teenie, durfte die Sonnen- und Schattenseiten des Ruhms kennen lernen. Mit den Tantiemen und Gagen konnte sie ihren Eltern in Estland ein Haus kaufen und sich an ihrem zwischenzeitlichen Wohnort in London «eine sauteure Wohnung» leisten. Das Geld, das reinkam, wurde verprasst. «Ich habe keinen Rappen mehr übrig, aber ich bereue nichts», versichert sie.

Gleichzeitig machte sie unliebsame Erfahrungen mit Managern, Musikproduzenten und Journalisten. «Das Musikbusiness ist die wohl verlogenste Branche», sagt ihr früherer Manager Dominic Hoenes, der heute ihr bester Freund ist. Dass die Musikproduzenten bei Kivilaans Geburtsdatum schummelten, um eine Auftrittserlaubnis beim ESC zu bekommen, sei nur die Spitze des Eisbergs. Eine weitere der zahllosen Episoden ereignete sich mit dem Jugendmagazin «Bravo», das trotz eindringlicher Bitte die Adresse Kivilaans im süddeutschen Binzen bekannt gab. «Wir konnten danach die Rollläden nicht raufziehen, weil die Fans vor unserem Haus lauerten», erinnert sich Kivilaan.

«Niemals» zurück auf die Bühne

Im Gegensatz zu seiner früheren Mandantin hat der Manager aber deren Musikkarriere nicht ganz aufgegeben. «Sie ist unglaublich talentiert», schwärmt er und fügt an: «Ich weiss einen Trick, sie wieder zurück auf die Bühne zu holen.» «Niemals», entgegnet Kivilaan, die sich als äusserst stur bezeichnet und unter dem Sternzeichen Steinbock geboren wurde.

Schon mit 23 Jahren weiss sie genau, was sie will. Als stellvertretende Filialleiterin eines Schuhgeschäfts im St.Jakob-Park liebäugelt sie höchstens damit, dereinst die Filialleitung zu übernehmen. «Morgens um neun zur Arbeit und abends pünktlich wieder zurück. Das klingt langweilig, entspricht aber meinem Charakter.»

Keine Rückkehr nach Estland

Auch in jungen Jahren habe ihr die Rastlosigkeit nicht behagt. Immer im Tourbus schlafen, am nächsten Tag irgendwo anders auftreten: «Ich kam irgendwie nie richtig zur Ruhe.» Die Ruhe hat sie nach den turbulenten Jahren in Pratteln gefunden, wo sie heute mit ihrem Freund lebt. Die europäische Odyssee von Estland über England und Deutschland hat hier ein Ende genommen. «Ich kann mir vorstellen, hier alt zu werden», sagt sie über die Agglogemeinde. Basel sei ihr zu hektisch.

Nach Estland zurückzukehren, kommt ebenso wenig infrage. «In meinem Alter lebt fast niemand mehr dort», sagt sie. Die tiefen Löhne und hohen Lebenskosten würden die Jugendlichen dazu zwingen, im Ausland auf Jobsuche zu gehen. Für Pratteln spricht, dass sie keinen langen Arbeitsweg hat. Heute ist Kivilaan abends einfach froh, wenn sie wieder aus der Stadt rauskommt und sich auf ihre «langweiligen» Hobbys stürzen kann: Filme schauen, in der neuen Wohnung Gardinen nähen oder Bücher lesen. Besonders jetzt, da ihre «traditionelle Winterdepression» beginnt («sobald das Thermometer unter 10 Grad sinkt»), mag sie die Abende ohnehin nicht draussen verbringen.

Eine Familie wünscht sich Kivilaan auch, «noch bevor die biologische Uhr zu ticken beginnt». So zwei, drei Jahre gibt sie sich noch. Und sollte der Trick ihres Managers nicht funktionieren, dann wird die Hochzeit ihrer Schwester im kommenden Jahr ihr letzter Auftritt vor Publikum sein. Einmal Star sein: Das will sie nicht missen. Gereicht hat es ihr aber allemal.