Ganze zwei Jahre lang haben die Planer am Szenario herumgedoktert. Möglichst realistisch sollte die Havarie daherkommen, und dabei wurde an alles gedacht – an wirklich alles. Keine halbe Stunde alt war die Katastrophen-Übung gestern Vormittag in Muttenz, da tauchte eine Handvoll Journalisten am Schadenplatz auf, wie aus dem nichts. Keine echten Journalisten, sondern Schauspieler, mit dem Auftrag, sich forsch aufs Gelände zu begeben, möglichst nah heran an die entgleisten Güterwagen, möglichst nah heran an die Verletzten und an die brüllenden Feuerwehrleute. Die Gegenspielerin der Reporter, die Polizei, war aber auch parat.

Und so wurden die Journalisten gestoppt, bevor sie auf dem Güterbahnhof überhaupt einen der zuckenden Feuerwehrschläuche überschreiten konnten. Alles sehr realistisch. Nur beim Tonfall stimmte noch etwas nicht so ganz. «Gehen sie zurück auf die Brücke», wies ein Polizist die Reporter freundlich an. Dann folgte sogar noch ein «Bitte».

Der Kanton Baselland ist zu Übungen verpflichtet, wie gestern eine in Muttenz stattfand. Alle zwei bis drei Jahre soll überprüft werden, ob Feuerwehr, Polizei, Sanität und Zivilschutz im Stande wären, ein gröberes Unglück zu bewältigen: Kommen alle rechtzeitig? Trampeln sie sich auf den Füssen herum? Funktionieren die Gasmasken? Hat wieder jemand sein Fahrzeug so abgestellt, dass die anderen nicht mehr vorbei kommen? Ging ein Schwerverletzter vergessen?

Die Ausgangslage der heutigen Übung mit dem Namen «Rotaia» (italienisch für Gleis) hätte sich für einen Hollywood-Blockbuster anerboten: Mehrere Wagen eines Güterzuges entgleisen auf dem Rangierbahnhof Muttenz. Sie haben eine Flüssigkeit geladen – welche es ist, das weiss man nicht, aber an den Wagenseiten prangen grelle Metallplaketten. Das lässt nicht auf Sirup schliessen.

Auf dem Nebengleis steht ein anderer Güterzug, auch er mit potenziell explosiver Fracht: Zisternenwagen, mit Benzin gefüllt. Und als wäre das noch nicht genug des Unheils, steht hinter den entgleisten Waggons gleich noch ein Sonderzug, zum Bersten voll mit Fussballfans.

Die wollen eigentlich an ein Auswärtsspiel ihres Lieblingsvereins, doch jetzt ist der Fanzug blockiert, und mancher Passagier nutzt den Zwischenstopp, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Einige kommen dabei mit der auslaufenden Flüssigkeit in Berührung, von der immer noch niemand genau weiss, ob sie gefährlich ist.

Bis auf die Unterhosen

Doch Hilfe naht. Um 10 Uhr springen die Zisternenwagen aus den Geleisen – so will es das Übungslogbuch – schon wenige Minuten später steht ein Einsatzleiter der SBB-Feuerwehr vor dem Fanzug und fuchtelt mit den Händen. Um 10:22 fährt die Muttenzer Ortsfeuerwehr ein, dann geht es schlag auf Schlag. Immer mehr Behelmte tauchen auf, der Fanzug wird evakuiert. Die Kontaminierten müssen sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und kommen unter die Dusche.

Katastrophe in Muttenz: Zum Glück nur eine Übung

Katastrophe in Muttenz: Zum Glück nur eine Übung

Löcher mit Lappen gestopft

Dann steht jene Person auf dem Schadenplatz, auf die alle gewartet haben. Es ist der «Chemiefachberater», so stehts auf seinem Personenwagen geschrieben. Er weiss, um welche Substanz es sich handelt, die da noch immer aus dem Zisternenwagen gurgelt. Auf der Gefahrentafel stehen die Ziffern «80/1736» – Benzylchlorid! Eine farblose Chemikalie. Ein Abnehmer ist die Parfümindustrie. In der Form, wie die Substanz gemäss Übungsprotokoll austritt, sollte man sie sich aber eher nicht auf die Haut spritzen, denn das gäbe Verätzungen.

Längst hat die Feuerwehr eine Wasserwand aufgebaut, «um die Chemikalie herunterzudrücken», wie es ein Feuerwehrmann ausdrückt. Jetzt treten die Mitarbeiter der ABC-Wehr in Aktion. In ihren Anzügen sehen sie aus wie rot gekleidete Imker. Mit Holz und Lappen verstopfen sie die Lecks am Waggon.

Eineinhalb Stunden nach dem «Unfall» kommt so etwas wie Routinestimmung auf unter den rund 350 Einsatzkräften: Gefahr gebannt, Verletzte versorgt.

Für die Journalisten gibt es nichts mehr zu berichten – sie zotteln von dannen. Die falschen, aber auch die echten.