Die «Food-Waste-Aktivistin» Fay Furness in Rothenfluh fischt gut erhaltene Lebensmittel aus dem Müll und wehrt sich gegen die Verschwendung. «Es schmerzt mich, dass riesige Mengen an Lebensmitteln, die noch völlig in Ordnung sind, einfach weggeworfen werden», bedauert die fröhliche Südkalifornierin und Hausfrau Fay Furness (40). «Meine Eltern haben die Grosse Depression erlebt und danach gespart. Ich habe – wie meine Geschwister auch – lange durch meinen Konsum dagegen rebelliert», gibt das jüngste von zehn Kindern zu. Doch damit ist Schluss.

Fay Furness «containert»

«Ein Drittel aller Lebensmittel weltweit wird weggeworfen, in Europa vielleicht sogar die Hälfte. Vielleicht reagieren die Menschen, wenn sie sehen, dass eine ganz normale Hausfrau gegen diese riesige Verschwendung kämpft», sagt die Mutter von drei Kindern. Im letzten Frühling wurde sie zu einer «Containerin», die Container durchsucht, und danach zu einer «Food Waste Aktivistin» und zur Vegetarierin.

Die Amerikanerin mit dem strahlenden Blick hat gerade begonnen, in den Medien Wellen zu schlagen, so auch im Fernsehen. Jetzt ist sie dabei, eine Organisation zu gründen mit neuen Lösungen für die verschmähte Nahrung. «Wir wollen mit Sensibilisierungs- und Öffentlichkeitsarbeit anfangen.» Im kommenden Januar plant Furness einen ersten Informationsabend in Rothenfluh. Sie betreibt auch eine Webseite und hat bereits zwei Wirtschaftswissenschaftler und einen Umweltwissenschaftler an ihrer Seite.

Letzterer will an der ETH in Zürich im Laufe des Jahres 2012 seine Masterarbeit publizieren, die voraussichtlich neues Licht auf die Menge der verschwendeten Lebensmittel in der Schweiz werfen soll. Etwa ein Drittel sollen es sein. Furness glaubt, es sei mehr. «Das Problem beginnt schon beim Produzenten – die Hälfte der angebauten Kartoffeln bleibt einfach liegen.» Auch die Verteiler und Verkäufer würden gute Lebensmittel wegwerfen, zum Beispiel Migros oder Denner. Sie sind für etwa 10 bis 20 Prozent der Nahrungsmittel-Abfälle verantwortlich.»

Verschwendung macht Hunger

«Viele Lebensmittel in den Supermarkt-Containern, sind gar nicht verdorben», ereifert sich Furness, «sie haben höchstens das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. Ich finde dort alles: Frische Früchte, Gemüse, Kartoffelpurée, Kochöl, Wein, Amaretti, sogar über 100 Snickers.» Sie zeigt schmunzelnd auf eine riesige Tube Senf mit einem leicht beschädigten Deckel und auf frische Kopfsalate.

Beim «Containern» tut Furness nichts Illegales – solange sie keine Schlösser aufbricht oder über Zäune klettert. In der Schweiz gilt Abfall in Containern als herrenloses Gut. Der Vegetarierin geht es aber hauptsächlich darum, das Problem zu beheben, nicht, es auszunutzen. «Pro Person werden jedes Jahr mehr als 100 Kilo Lebensmittel weggeworfen», bedauert sie, «aber von allen in der Schweiz weggeworfenen Lebensmitteln verderben 40 bis 50 Prozent in privaten Haushalten.» Dabei würde dieses Verhalten ganz konkret Hunger in Entwicklungsgebieten auslösen, weil diese Verschwendung die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treibe, und die Armen sich dann nicht einmal mehr Grundnahrungsmittel leisten könnten. «Dabei gäbe es genügend Nahrungsmittel, um alle hungernden Menschen dreifach zu ernähren.»

Das neue Jahr steht vor der Tür. Eine der Visionen von Fay Furness sieht so aus: «In der USA gibt es ein Gesetz, das einen Spender von Nahrungsmitteln von seiner Haftbarkeit entbinden kann. So etwas wäre auch in der Schweiz nötig.»