Der parteiinterne Druck auf Sabine Pegoraro hat nachgelassen. Gereift scheint bei den Baselbieter Freisinnigen aber weniger die Erkenntnis zu sein, dass die umstrittene Bau- und Umweltschutzdirektorin einen Bombenjob macht. Sondern vielmehr, dass ein vorzeitiger Rücktritt eine Krise auslösen würde. 

Denn: Heute stünde schlicht niemand Wählbares bereit für eine Regierungskandidatur. Allerdings: Für die Gesamterneuerungswahl 2019 sieht es nicht besser aus. FDP-Präsident Paul Hofer eilt von einer Absage zur anderen. Nervosität macht sich breit, auch wenn Hofer selbst abwiegelt. Die These, wonach alle abgesagt hätten, stimme nicht. «Die Anzahl Interessenten ist grösser null», sagt er. Das klang auch schon offensiver.

Auch Gemeinderäte sagen ab

Wer Interesse signalisiert hat, will Paul Hofer nicht verraten. Zumindest ist es aber keiner der meistgenannten Favoriten auf die Pegoraro-Nachfolge. So soll Christof Hiltmann bereits abgewinkt haben. Der Birsfelder Gemeindepräsident und FDP-Landrat Christof Hiltmann, mit 45 im besten Politikeralter, galt jahrelang als aussichtsreichster Kandidat für einen kantonalen Exekutiv-Job. Tatsächlich ist eine Kandidatur für Hiltmann im Moment kein Thema. Grund sei sein neuer Job als CEO bei der Baufirma Rofra. Immerhin betont Hiltmann, dass seine Absage «nicht für immer und ewig» gelte.

Ebenfalls bereits abgesagt hat Landrat Balz Stückelberger, dem stattdessen Ständeratsambitionen nachgesagt werden. Dem moderaten, telegenen Arlesheimer werden gegen die gehandelten linken Überflieger Maya Graf (Grüne) und Eric Nussbaumer (SP) durchaus Chancen eingeräumt. Auch FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger kann sich eine Ständeratskandidatur vorstellen. Eine Regierungskandidatur schliesst sie dagegen aus. Ebenso soll sich Christoph Buser auf die nationalen Wahlen konzentrieren, nachdem er bei der letzten Ständeratswahl noch gescheitert war. Für den Wirtschaftskammer-Direktor und Landrat ist es aber «schlichtweg zu früh, mich festzulegen». Die frühere Parteipräsidentin Christine Frey nimmt sich ebenfalls früh aus dem Rennen: «Ich bin angekommen in der Politik. Eine Regierungskandidatur schliesse ich aus.»

Auch die prominenten Gemeindepolitiker des Landkantons wollen nichts vom Regierungsamt wissen. Der Therwiler Gemeindepräsident Reto Wolf winkt ab: «Meine Kinder werden sieben und acht. Die zeitliche Belastung ist zu gross als Regierungsrat. Ich will das meiner Familie nicht antun.» Und Markus Eigenmann, der für seine Arbeit als Gemeindepräsident von Arlesheim selbst aus der Opposition gute Noten erhält, sieht nach eineinhalb Jahren im Amt noch keine Veranlassung für eine neue Herausforderung. «Ich will nicht von einem Engagement ins nächste springen.»

Der Reigen an Absagen für das bestbezahlte Politikeramt im Kanton ist überraschend – aber nur auf den ersten Blick. Sie zeugt eher davon, wie das Renommee des Regierungsamts gelitten hat. Christine Frey sagt: «Man muss sich schon fragen: Tue ich mir das an? Heute muss man als Regierungsrat viel eher Be- und Verurteilungen über sich ergehen lassen als früher. Ich glaube, das Prestige hat nachgelassen.»

Rücktritt würde SVP den Weg ebnen

Reto Wolf sagt beispielsweise, er traue sich das Amt zu. «Aber das Risiko in diesem Haifischbecken ist mir einfach zu gross.» Für einige FDP-Hoffnungsträger ist nicht mal der Regierungsratslohn von rund 270'000 Franken im Jahr verlockend. Ein Stückelberger verdient als Geschäftsführer der Arbeitgeber Banken kaum weniger. Auch Hiltmann oder Saskia Schenker, die in der Chefetage des Krankenkassenverbands Curafutura sitzt, dürften beachtliche Lohnsummen kassieren – und müssen sich dabei keine öffentliche Kritik gefallen lassen. Schenker will zu allfälligen Regierungsambitionen keine Stellung nehmen, sagt aber: «Mir gefällt es in meinem Job.» Nicht zu beneiden ist mit dieser Ausgangslage Paul Hofer.

Er hat öffentlich nicht nur angekündigt, beide FDP-Sitze in der Regierung halten, sondern auch gleich noch einen zweiten Nationalratssitz hinzugewinnen zu wollen. Sie teilten diese Euphorie nicht, erklären gleich mehrere Parteiexponenten unabhängig voneinander. Sie äussern Zweifel, dass die FDP beide Regierungssitze tatsächlich wird halten können. Um nicht als Nestbeschmutzer zu gelten, wollen sie sich nicht namentlich zitieren lassen. Eine Kandidatur sei derzeit wenig attraktiv: «Mit dieser Konstellation besteht die Gefahr, verheizt zu werden», kommentiert ein Mitfavorit.

Auch FDP-Präsident Hofer weiss: Mit einem Wähleranteil von unter 20 Prozent bei den vergangenen Parlamentswahlen ist er gegenüber der weit wählerstärkeren SVP im Argumentationsnotstand. Nur eine herausragende Kandidatur könnte ihm da helfen. Da weit und breit niemand in Sicht ist, wird er das von der «Basler Zeitung» skizzierte Szenario verhindern wollen. Diese schreibt zu einem möglichen vorzeitigen Rücktritt Pegoraros: «Etwas ist zu Beginn dieses Jahres anders als bei früheren Spekulationsrunden: Dieses Mal wird sich das Gerücht in den kommenden sechs Wochen entweder bewahrheiten, oder ein vorzeitiger Rücktritt ist definitiv vom Tisch.»

Die BaZ resümiert: Wolle Pegoraro ihrer Partei einen Gefallen machen, müsse sie bis Ende Februar zurücktreten. Nur in einer Einer-Vakanz habe die FDP Chancen darauf, den Sitz zu verteidigen. Bei der nächsten Gesamterneuerungswahl werde sie den Sitz an die SVP verlieren.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich: Auch ein vorzeitiger Rücktritt hilft der FDP nicht. Pegoraro, die sich nicht zum Rücktrittszeitpunkt äussern will, würde ihre Partei auf dem falschen Fuss erwischen. Die Baselbieter Freisinnigen würden mit einem Alibikandidaten in einen teuren, aussichtslosen Wahlkampf ziehen. Wobei mittlerweile gar mit dem Gedanken gespielt wird, von vorneherein auf den zweiten Regierungssitz zu verzichten – sollten die bürgerlichen Partner SVP und CVP «glaubhafte Zugeständnisse» abgeben, dafür eine FDP-Ständeratskandidatur zu unterstützen.