Es lag etwas Feierliches in der Luft, als sich die Wiedergewählten am Donnerstag im Baselbieter Parlament zur ersten Sitzung nach den Wahlen trafen. Alle gratulierten sich zu den guten Ergebnissen, wenngleich etwas gehemmt: Man wollte ja nicht die Gefühle jener verletzen, die am Sonntag die nötigen Stimmen nicht geholt hatten.

Saskia Schenker gab der Grünen-Landrätin Florence Brenzikofer drei Küsschen und sagte, kaum hörbar, triumphierend: «Powerfrauen halt.» Nun gut, «Powerfrau» ist vielleicht ein Begriff aus der feministischen Mottenkiste, aber wenn er auf eine Frau zutrifft, dann auf Schenker. Ihre Tage scheinen mehr als 24 Stunden zu haben.

Sie ist Landrätin, interimistische Parteipräsidentin der Baselbieter FDP, stellvertretende Direktorin des Krankenversicherungsverbands Curafutura und pendelt jeden Tag von Itingen nach Bern. Dabei beschränkt sie sich nicht drauf, Mitläuferin zu sein. Wenn sie sich für etwas engagiert, hat sie schnell eine führende Position inne. Nächsten Mittwoch werden sie die Baselbieter Freisinnigen definitiv zur neuen Parteipräsidentin küren, daran gibt es keinen Zweifel. Womöglich wird sie dann auch zur Nationalratskandidatin ernannt.

Wohin führt dieser Weg? Saskia Schenker ist erst 39 Jahre alt («der 40. ist noch ganz lange nicht»), das Format für einen Regierungssitz hätte sie und bei einem Rücktritt von FDP-Bildungsdirektorin Monica Gschwind in vier oder acht Jahren wäre sie im besten Alter für höhere Weihen. Und sie hat sich von der Wirtschaftskammer losgelöst, welche seit jüngstem Garantin für politische Erfolglosigkeit ist. Sechs Jahre hatte sie dort gearbeitet, ehe sie vor zwei Jahren zu Curafutura wechselte. Eine Emanzipation und ein Schritt in die politische Unabhängigkeit, die sich noch auszahlen könnte.

Sie teilt das Haus mit ihrem Bruder

Schenker winkt ab, wenn sie auf Regierungsambitionen angesprochen wird. Ein währschaftes Motto begleitet ihre politische Karriere. «Man soll arbeiten und Schritt für Schritt nehmen, dann ergibt sichs schon», sagt sie. Genau wie das Parteipräsidium der FDP, das sie nach dem überraschenden Rücktritt von Paul Hofer vor drei Monaten übernommen hat und in dem sie nun Bestnoten bekommt. «Mit ihrer ausgleichenden Art ist sie genau die Richtige für dieses Amt», sagt etwa FDP-Landrat Balz Stückelberger.

Dabei war Ausgeglichenheit kein Attribut, das ihr von Kindesbeinen anhaftete. In Reinach wuchs Saskia Schenker in einem Haushalt auf, in dem Politik eine wichtige Bedeutung hatte, obwohl die Eltern keine Ämter innehatten. Am Mittagstisch wurde debattiert – und rebelliert. Als sie 14 Jahre alt war, entschied sich Schenker, Vegetarierin zu werden. Bis heute hat sie kein Fleisch gegessen. Ihr Berufswunsch: Sie wollte bei Greenpeace arbeiten und Wale retten.

Schenker engagierte sich politisch und gesellschaftlich, war allerdings auch während der Pubertät nie subversiv. Sie wurde J&S-Leiterin, ging selbst als Studentin häufig in Skilager mit und glitt daneben ziemlich mühelos durch die Schulkarriere. Nach der Matura am Gymnasium in Münchenstein zog es sie nach Bern, wo sie Politologie studierte und bereits während des Studiums Jobs beim Eidgenössischen Departement für Äusseres hatte.

Im Nebenfach studierte sie Volkswirtschaft und Internationales Recht. Und doch blieb sie im Baselbiet verwurzelt, zählt ihre damalige Reinacher Mädchen-Clique immer noch zu den engsten Freunden und wohnte gar mit ihrem eigenen Bruder, einem Schreiner, in Bern in einer WG.

Die familiäre Verbundenheit hält bis heute an. Nach mehreren Jahren in Bern zog sie mit ihrem Lebenspartner 2011 nach Itingen, erwarb ein altes Zweifamilienhaus und sanierte es. Im oberen Stock lebt sie mit ihrem Mann, unten lebt ihr Bruder mit seiner Frau und seinen zwei Kleinkindern. Schenker selbst ist bewusst kinderlos und sagt: «Man darf auch nicht vergessen, dass das viel Zeit und Raum schafft für all die Ämter und Jobs, welche junge Eltern nicht machen können.»

Widerstände sind programmiert

Gleichwohl: Auch viele Kinderlose würden unter der Last der Aufgaben zerbrechen, die auf sie zukommen in den nächsten Monaten. Sie trifft eine Partei an, in der im Gegensatz etwa zur SP und den Grünen seit Jahren nicht am gleichen Strick gezogen wird. Bei den Freisinnigen gibt es den grünen Flügel, den konservativen, den wirtschaftskammernahen, den wirtschaftskammerfernen, die Alten und die Jungen. Diese zu einen, war zumindest dem Vorgänger Schenkers nicht gelungen. Der FDP programmatisch den Stempel aufzusetzen – daran scheiterten vor ihr schon viele.

Schenker will die Freisinnigen zur Mittelstandspartei machen. «In der Vergangenheit wurden wir zu oft in die Ecke derjenigen Partei gedrückt, die nur für die Reichen da ist.» Dabei sei die starke steuerliche Progression in Baselland vor allem für den Mittelstand problematisch. «Wir wollen eben Steuerentlastungen nicht nur für die oberen Schichten», sagt Schenker. Ebenfalls bedauert sie, dass die Freisinnigen bei den Umweltthemen nicht wahrgenommen werden, obwohl sie in der Umweltpolitik, etwa bei der Energiegesetzrevision in Baselland, entscheidende Akzente gesetzt hätten.

Gegenüber den Klimaprotesten der Jugend ist sie weniger enthusiastisch. «Ich finde es gut, wenn man mal aus der Reihe tanzt und ich finde es gut, dass sich die Jungen für etwas einsetzen.» Aber Aufgabe der Politik sei es, aufzuzeigen, was die Forderungen in der Umsetzung konkret bedeuten und nicht, einfach zu fordern.

Statt an die Revolution glaubt sie, dass tausende kleine Schritte ans Ziel führen. Das hat sie beim Laufen gelernt, bei Volks- und Bergläufen. Wenn sie dazu kommt, schnürt sie über den Mittag die Joggingschuhe. Jüngst habe sie wegen der Wahlen allerdings kaum noch Zeit gehabt für ihre Hobbys. Auch das Lesen kam zu kurz. Die Bücher stapeln sich bei ihr.

«Irgendwo muss man bei dem Pensum halt abschränzen», sagt sie. Momentan liegt die Biografie von Michelle Obama unangetastet auf ihrem Nachttisch. Sie mag vor allem Biografien. Am stärksten hat sie in der jüngeren Vergangenheit das Buch von Carla del Ponte über deren Rolle als Sonderberichterstatterin im Syrienkrieg beeindruckt und all diese Mühlen, gegen die die Tessinerin in der Internationalen Gemeinschaft zu kämpfen hatte. Del Ponte resignierte zuletzt, hängte ihren Job an den Nagel. Auch wenn bei der FDP Widerstände programmiert sind: Bei der künftigen Parteichefin ist das schwer vorstellbar.