Herr Schinzel, waren Sie überrascht, als Sie vom Aufruf der 21 Kirchenpersonen erfuhren?

Marc Schinzel: Nein, nicht wirklich. Es hat viel Platz in der Kirche, sowohl für Leute, die sich links sehen, als auch für solche, die aus dem eher liberal-konservativen Spektrum kommen. Und es ist nicht das erste Mal, dass sich Kirchenvertreter politisch äussern.

Und waren Sie verärgert darüber?

Auch das nicht. Ich weiss ja, wie breit gerade wir Reformierten aufgestellt sind. Aus eigener Sicht wünsche ich mir, dass auch andere Stimmen in der Kirche laut werden. Die Gleichung «Geld verteilen = sozial» stimmt für mich nicht.

Dürfen die Kirchenleute Ihrer Meinung nach überhaupt einen solchen Aufruf lancieren?

Ja, auch wenn ich denke, dass wir uns in der Kirche eine gewisse Zurückhaltung in politischen Fragen auferlegen sollten. Wenn sich Kirchenleute zu jedem tagespolitischen Thema äussern würden, hätte ich Mühe. Der Horizont der Kirche ist weiter als das. Ich wünsche mir, dass wir politische Fragen etwas vielfältiger anschauen würden.

Die 21 Kirchenleute haben oder hatten in ihrem Beruf viel mit Armut zu tun. Können Sie nachvollziehen, dass sie aus ihrer Position heraus Stellung für die Initiative beziehen?

Sicher. Es ist der Auftrag der Kirche, sich um Menschen am Rand der Gesellschaft zu kümmern. Aber das spiegelt sich nicht in der Debatte über die Prämienverbilligungs-Initiative. Da geht es meines Erachtens um eine massive Ausweitung mit der Giesskanne. Wir Freisinnigen wollen einen starken Sozialstaat für diejenigen, die durch das soziale Netz fallen. Mein Engagement gegen die Initiative ist damit gut vereinbar.

Ist die Initiative in Kirchenkreisen ein Thema?

In unseren Gemeindegremien nicht. Da sitzen Menschen mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Das geht sehr gut. Wir respektieren einander, und das soll auch so bleiben. Wir möchten in unserer Kirchgemeinde keine Polarisierung wegen der Tagespolitik.

Fühlen sich Gläubige von der Kirche abgestossen, wenn dort andere politische Ansichten vorkommen als ihre?

Ich erlebe in unserer Kirchgemeinde, dass sich viele bürgerlich orientierte Gläubige zeitlich und finanziell stark einsetzen. Sie sollten in ihrer Kirche nicht einseitig mit linken Positionen konfrontiert werden. Ich hätte Bedenken, wenn die politischen Fronten in die Kirche hinein getragen werden. Die verschiedenen Richtungen sollen sich begegnen können. Umgekehrt möchte ich auch keine Maulkörbe. Ich äussere keine Pauschalkritik, dass die Kirche generell zu links sei. Es ist auch schon zu Kirchenaustritten gekommen, weil jemand eine politische Haltung vertrat, die einem nicht passte. Wenn die Gesellschaft sich polarisiert, dann tut es auch die Kirche. Dabei sollte sie aber immer gesprächsoffen bleiben. Es braucht hier auch eine gewisse Gelassenheit gegenüber politischen Ausrichtungen. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass menschliche Meinungen nie der Weisheit letzter Schluss sind. Das sollte die Botschaft der Kirche sein. Auf keinen Fall sollte sie als ideologische Sekte wahrgenommen werden.

Die 21 Kirchenvertreter argumentieren aus ihrem kirchlichen Alltag heraus für die Initiative. Wäre für Sie eine Grenze überschritten, wenn sie theologisch argumentiert hätten, etwa mit dem Zitieren von Bibelstellen?

Ja, mit einem theologisch untermauerten Gebot, man müsse so und so handeln, hätte ich Mühe. Schwierig fand ich zum Beispiel, als es neulich von Kirchenseite hiess, die SVP sei unwählbar. Man sollte nicht vergessen: In der Politik stellen wir immer nur menschliche Konzepte auf. Nichts davon darf man verabsolutieren. Das entspräche auch nicht dem Evangelium. Dieses geht davon aus, dass wir selber denken.

Ist es für Sie persönlich schwierig, politisches und kirchliches Engagement in Einklang zu bringen?

Das ist eine gewisse Herausforderung, aber es ist auch spannend. Ich war zuerst in der Kirchenpflege und fing erst danach mit Politik an. Dort ist die Auseinandersetzung oft sehr hart. Ich habe das Gefühl, in der Kirche ist das meist anders.