Florence Brenzikofer, Ende März sind Sie an der Jahresversammlung der Baselbieter Grünen als Präsidentin bestätigt worden. Nun, einen knappen Monat später, kündigen Sie Ihren Rücktritt an. Woher rührt dieser Sinneswandel?

Florence Brenzikofer: Von einem Sinneswandel würde ich nicht sprechen. Es ist auch nicht so, dass ich mit meiner Rücktrittsankündigung den Vorstand der Grünen überrascht habe. Ich bin deshalb nicht bereits auf die Jahresversammlung im März zurückgetreten, weil ich einige Projekte – darunter die Ausarbeitung des neuen Strategiepapiers – zu Ende bringen wollte.

Eine Neuwahl bereits an der Jahresversammlung wäre auch wegen der nötigen Vorlaufzeit durch die Kandidatensuche zu früh gekommen. Ich finde, der Zeitpunkt auf Spätsommer 2017 ist perfekt. So hat mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin auch genügend Zeit, sich im Hinblick auf die kantonalen Wahlen 2019 einzuarbeiten.

Sind Sie amtsmüde?

Ich möchte nun wieder mehr Zeit für mich und für meine Familie haben. Als Parteipräsidentin muss man fast rund um die Uhr erreich- und ansprechbar sein. Es ist zwar möglich, dass man mal eine Woche Ruhe hat, doch in der nächsten klingelt dann fast ununterbrochen das Telefon. Diesen Job kann man nicht ewig machen.

Als Präsidentin der Baselbieter Grünen fühlte ich mich in den vergangenen Jahren speziell gefordert, mussten wir doch ständig auf Abbaumassnahmen in der Bildung, im öV und in anderen Bereichen reagieren. Dass es dem Kanton Baselland seit Jahren nicht gut geht, setzt die links-grünen Kräfte permanent unter Strom.

Bedeutet Ihr Rücktritt als Parteichefin, dass Sie in der Politik generell etwas kürzer treten möchten?

Keineswegs. Im Gegenteil: Ich bleibe ja Landrätin und möchte ab August wieder mehr Zeit in die Sachpolitik stecken.

Bei den Nationalratswahlen 2015 erreichten Sie auf der Grünen-Liste am zweitmeisten Stimmen, Sie wären bei einem vorzeitigen Rücktritt von Maya Graf Erstnachrückende. Haben Sie bereits mit Graf geredet?

Das ist noch viel zu früh und und auch nicht etwas, das wir öffentlich ausbreiten. Was ich Ihnen dazu sagen kann: Die Mandatsträger der Baselbieter Grünen reden miteinander über ihre Ziele und Ambitionen. Es herrscht eine grosse Offenheit. Maya Graf ist über meine Wünsche und Zukunftsideen im Bilde.

Das heisst aber unter dem Strich: Sie möchten aber gerne früher oder später nach Bern?

Ja, im Nationalrat zu politisieren würde mich sehr reizen. 2011 und 2015 bin ich nicht als Listenfüllerin für die Nationalratswahlen angetreten. Ich engagiere mich zudem seit zwei Jahren im Vorstand der Grünen Schweiz. Die Arbeit und die Kontakte auf nationaler Ebene machen mir grossen Spass. Wichtig ist für mich auch der Austausch über die Sprachgrenzen hinweg. Meine Mutter ist Französin, ich bin bilingue aufgewachsen.

Blicken wir auf Ihre fünf Jahre als Parteichefin zurück: Welches waren Ihre grössten Erfolge, welches Ihre Misserfolge?

Beginnen wir beim Rückschlag: Schmerzlich, aber letztlich heilsam waren die kantonalen Wahlen 2015, bei denen wir vier von zwölf Sitzen im Landrat verloren. Darauf kam es aber zu einer Aufbruchstimmung in der Partei und sicherlich zum Höhepunkt.

Bei den Nationalratswahlen im Herbst 2015 schafften wir es, mit einem Wähleranteil von 14,2 Prozent Parteigeschichte zu schreiben: Die Baselbieter Grünen wurden stärkste Kantonalsektion der Schweiz, vor Genf (11,5 %) und Waadt (11,3 %). Den Nationalratssitz von Maya Graf konnten wir so komfortabel sichern.

Nach dem schlechten Resultat bei den kantonalen Wahlen 2015 stand die Frage nach Ihrem Rücktritt im Raum. Dachten Sie damals daran, den Bettel hinzuschmeissen?

Damals kamen einige auf mich zu und fragten mich danach. Ich dachte aber keine Sekunde an einen Rücktritt.

In die schwierige Zeit kurz nach der Wahlniederlage im Februar 2015 fiel auch der Parteiausschluss des Birsfelder Landrats Jürg Wiedemann. War das ein richtiger Entscheid?

Ja, ich sage auch heute: Das war ein richtiger Entscheid. Der Zeitpunkt war ja alles anders als ideal mitten im Wahljahr. Das war für mich ein dunkles Kapitel. Ein Parteiausschluss ist etwas vom Schlimmsten, was einer Parteipräsidentin passieren kann. Ich tat das sehr ungern, aber es musste sein. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Gibt es eine Aussage oder einen Entscheid aus den vergangenen fünf Jahren, den oder die Sie bereuen?

(Überlegt lange) Ich habe als Parteipräsidentin zu wenig darauf gepocht, dass Rot-Grün mit einer gemeinsamen Zweierkandidatur in die Regierungswahlen 2015 geht. Mit dieser Strategie wäre die Chance viel grösser gewesen, dass die SP ihren Regierungssitz halten kann. Unser Anspruch auf insgesamt drei Regierungssitze war vermessen. Auch ist für mich zentral, dass Grüne und SP eng zusammenarbeiten. Das war bei den kantonalen Wahlen 2015 leider ebenfalls nicht optimal.

Sie haben im Streit ums U-Abo Regierungsrätin Sabine Pegoraro (FDP) medienwirksam zum Rücktritt aufgefordert. Bereuen Sie diese Forderung?

Nein.

Welche Qualitäten muss der künftige Grünen-Präsident haben?

Ich wünsche mir, dass jemand das Präsidium übernimmt, der oder die mit Herzblut politisiert und offen auf andere zugeht. Auch erhoffe ich mir, dass jemand antritt, der länger Präsidentin oder Präsident sein will. Eine Zwischenlösung fände ich nicht so gut.