Liebevoll streichelt Gerald Wohlgemuth seine Franziska. «Sie ist mein Baby, sie beisst richtig gut», sagt er und wirft sie auf die sieben Meter entfernte Zielscheibe. Franziska bleibt im Holz stecken. Sie ist eine Axt, gekauft in der Landi, ein simples Modell. Wohlgemuth hat sie eigenhändig verschönert – so wie viele Äxte und Messer seiner Kollegen im Country und Western Club Longhorn.

Der Verein ist das Schweizer Mekka des Wurfsports. Messer und Äxte, aber auch Hufeisen, Tomahawks und Eisensterne fliegen im Clubgelände mitten in Hölstein durch die Luft. Seit 2011, als die aktuell 12 Mitglieder erstmals an Wettkämpfen teilnahmen, gab es 8 Titel, so auch für Rina Tschudin, die seit September Schweizermeisterin ist.

Zwei Mal pro Woche Training

Je 21 Mal auf die Distanz von drei, fünf und sieben Metern liess sie ihr Messer durch die Luft wirbeln, bis es in einer Holzzielscheibe landete, möglichst in der Mitte, das gibt das Punktemaximum. Dasselbe tat ihr Mann Rolf mit seiner Axt – ihm reichte es für den zweiten Rang, nach dem Meistertitel letztes Jahr. Der Erfolg ist das Ergebnis von hartem Training.

Zwei Mal pro Woche geht Rina Tschudin zwei Stunden lang auf ihr eigenes Übungsgelände in Riehen. «Vor Wettbewerben drei Mal», betont sie. «Werfen, werfen, werfen» ist dann angesagt. Und wenn das Messer nicht gerade im Ziel steckt, steht sie etwas weiter vorne oder hinten hin. «Das hängt dann von der Tagesform ab.»

Wohlgemuth, der selber erst Vize-Schweizermeistertitel geholt hat, erklärt die Philosophie des Wurfsports so: «Man muss dem Messer nicht sagen, wie es zu fliegen hat.» Darum korrigiert er einen Mann, der neu im Club ist: «Du musst einfach los lassen. Die Rotation kommt von alleine.»

Der Neuling ist in seinen Vierzigern – also noch jung. Die besten Werfer, hat Rolf Tschudin festgestellt, sind 50 oder 60 Jahre alt. Er selber ist demnächst pensioniert, dann hat er Zeit für sein nächstes Ziel: An seiner Konzentrationsfähigkeit arbeiten. Das ist insbesondere an Wettbewerben entscheidend, wo man den ganzen Rummel um sich herum ignorieren muss. Liegestützen und Hanteln für die Muskelkraft brauche es schon auch, sagt er.

Aber seitdem er mit einem «Wurf-Guru» aus den USA trainiert hat, weiss er: «Mental können wir noch zulegen.» Derzeit dominiert der Longhorn Club die Schweizer Szene, all zu viel Konkurrenz gibt es nicht.

Unscharfe Klingen

An internationalen Turnieren wirds schwieriger, die starken Spieler aus Osteuropa kommen oft aus Zirkusschulen. Und keine Chance haben die Hölsteiner gegen die Kanadier und Amerikaner, «die trainieren fünf Stunden pro Tag», sagt Tschudin. 2020 möchte er in Thun ein grosses internationales Turnier organisieren. Bis dann, hofft er, soll der Hölsteiner Verein in die weltweiten Top 10 vorgestossen sein.

Doch bei allen sportlichen Ambitionen: Wurfsport ist auch bisschen Folklore. Man trägt Cowboyhut, an den Wettbewerben gibt es Lasso-Vorführungen. «Und man gratuliert seinem Gegner, wenn er etwas geleistet hat», sagt Rolf Tschudin. Ausserhalb des Clubs werde man oft gefragt, auf wen man schiesse. «Die Leute wollen wissen, ob wir auch als Zielscheibe hinstehen müssen», meint seine Frau. Das bringt sie zum Schmunzeln. «Für uns sind Messer und Äxte keine Waffen», sagen sie beide unisono. Als Beweis streicht sie mit dem Finger über die Klinge eines Wurfmessers – scharf ist sie nicht, höchstens spitzig.

Die Gefahr heraufbeschwört wird allerdings an den Wurfshows, an denen der Club immer wieder auftritt. Da lässt Wohlgemuths Tochter die Messer ihres Vaters knapp an sich vorbeisausen, wie in Western-Filmen. Er hat eine einfache Theorie, wieso das bisher immer gut geklappt hat: «Wenn ich werfe, macht sie die Augen zu, und ich auch.»