Ob als Santichlaus oder Samichlaus – heute sind wieder viele der bärtigen alten Männer unterwegs und besuchen Kinder bei ihren Familien zuhause. Dabei erleben die Kläuse viel Schönes und Lustiges, aber auch Schwieriges. Ein Santichlaus aus Allschwil packt für einmal gegenüber der «Basellandschaftlichen Zeitung» aus. Der 41-Jährige aus der sozial engagierten Santichlausgesellschaft «Come Back Glöbb» geht schon seit einem Vierteljahrhundert auf Tour.

Haben die heutigen Kinder noch Angst vor dem Santichlaus?

Santichlaus: Zum Teil haben sie tatsächlich etwas Angst. Oft ist auch einfach ein gewisses Unbehagen da. Das Gros der heutigen Kinder reagiert aber in der Tat anders auf den Santichlaus als früher.

Inwiefern? Sind die Kinder frecher geworden?

Nein, eher im Gegenteil. Der Kontakt zu den Kindern ist schwieriger geworden. Es braucht heute viel mehr, dass sie im verbalen Sinn «hinter dem Ofen» hervorkommen. Früher haben die Kinder eher Antwort gegeben, heute konsumieren sie eher. Manchmal ist die Distanz sehr gross zwischen mir und dem Kind: Das Kind sitzt vier Meter weit weg in der Polstergruppe und ich schaffe es kaum, ihm ein Wort zu entlocken.

Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung?

Einerseits spielt wahrscheinlich der gesellschaftliche Wandel eine Rolle: In der heutigen Konsumgesellschaft ist man es sich weniger gewohnt, etwas aktiv mitzugestalten. Ausserdem hat sich der Rahmen verändert. Früher war der Besuch des Santichlaus oft ein Familienfest; die ganze Familie inklusive Verwandten war da. Die Kinder fühlten sich eher geborgen. Wenn heute der Samichlaus und der Schmutzli in eine Kleinfamilie kommen mit einem Einzelkind, dann wirken die beiden Männer für das Kind ungleich bedrohlicher. Je kleiner der Rahmen ist, desto länger dauert es, bis man warm wird miteinander.

Wer bibbert mehr vor dem Samichlaus, Mädchen oder Buben?

In der Regel sind Mädchen ein bisschen kommunikativer und Buben zurückhaltender. Oder, was auch vorkommt: Die Buben sind «überstellig», das heisst, sie überborden. Manche Buben rufen mir entgegen «Ich habe das Zimmer schon aufgeräumt», bevor ich «Guten Abend» gesagt habe. Sie wenden offenbar das Motto an «Angriff ist die beste Verteidigung».

Was müsst Ihr am meisten tadeln?

«Das Zimmer aufräumen» ist der Klassiker. Dazu gehören die Aufgaben besser machen, mehr im Haushalt helfen oder auf dem Schulweg nicht trödeln. Neu hinzugekommen ist in den letzten Jahren: weniger fernsehen und am Computer spielen. Manche Dinge, die die Eltern aufgeschrieben habe, finde ich nicht so toll, die überlese ich grosszügig.

Zum Beispiel?

Wenn ein Kind etwa noch nicht trocken ist – ich finde, das gehört nicht in eine solche Runde. Ich versuche auch immer, nicht nur einfach die aufgeschriebenen Punkte vorzulesen, sondern auch ein Gespräch hinzubekommen mit dem Kind.

Wie reagieren die Kinder im Allgemeinen auf den Tadel? Akzeptieren sie die Worte des Santichlaus’?

Ja, freche Kinder sind jedenfalls sehr selten. Ich denke, wirklich wohl ist den meisten Kindern nicht. Der Respekt lässt sich meist sehr schnell wieder herstellen; dazu stelle ich etwa eine überraschende Frage. In der Regel ist mir auch lieber, wenn sich die Eltern nicht zu sehr einmischen. Doch auch nach 25 Jahren Erfahrung muss ich sagen: Jedes Kind ist anders.

Was war Ihr lustigstes Erlebnis?

Ich habe zu einem Kind die längste Zeit Andreas gesagt, bis mal einer der Erwachsenen dazwischengerufen hat, ob ich eigentlich eine Brille brauche, das Kind sei ein Mädchen und heisse Andrea. Das Mädchen selbst liess es einfach über sich ergehen und hat sogar mitgelacht. Oder vor ein paar Jahren, als wir noch mit einem echten Esel unterwegs waren, war es auch lustig: Dem Tier hat es in der Stube so gut gefallen, dass er partout nicht mehr rauswollte.

Gab es andere schwierige Momente?

Das Schwierigste ist stets, ins Gespräch zu kommen. Manchmal herrscht eine so beklemmende Stimmung, dass man sie nicht wegkriegt. Dann gehe ich zur Türe raus und denke «Puh, jetzt muss ich zuerst wieder in die richtige Stimmung kommen». Denn für mich ist der Santichlaus-Besuch etwas Schönes, Feierliches.

Was muss man mitbringen, um ein guter Santichlaus zu sein?

Würde. Ruhe. Und natürlich Spass im Umgang mit Kindern.

Gibt es einen «Santichlaus-Knigge»?

Bei uns wächst man da hinein. Man fängt oft als Schmutzli an und geht mit den verschiedensten Kläusen mit und lernt bei jedem etwas. Irgendwann steigt man selbst in die Chlause-Kutte. Doch das erste Mal hatte ich schon auch Respekt, denn man ist als Santichlaus ziemlich auf sich allein gestellt. Wichtig ist mir immer, dass ich nicht als Clown rauslaufe, sondern als Santichlaus. Wir sehen uns auch nicht als Schreckenskläuse, und wir wollen keine reinen «Geschenkebringer» und keine Erzieher sein.

Wie definieren Sie Ihre Aufgabe?

Für mich ist der Santichlaus eine Art von Lebenshilfe. Für die Kinder, unter Umständen auch für die ganze Familie. Aber klar ist: Wenn die Eltern etwas ein ganzes Jahr lang nicht in den Griff kriegen, kriege ich das auch nicht in einem Tag hin.

Apropos Geschenke: Wie viele haben Sie da jeweils dabei?

Das ist sehr unterschiedlich. An manchen Orten bricht der Schmutzli fast zusammen. Anderswo sind es ganz kleine Säckchen.

Sie arbeiten alle ehrenamtlich. Warum gehen Sie jedes Jahr als Samichlaus auf die Piste?

Früher haben wir das schlicht getan, um damit die Finanzen für die Lager von Jungwacht und Blauring aufzubessern. Heute sind wir ein eigenständiger Klub, der soziale Gedanke ist aber geblieben, und ich finde es wichtig, Institutionen zu unterstützen. Und – es ist ganz einfach der Plausch.