Neun Kandidaten für fünf Bürgerratssitze – so lautet in Liestal die äusserst ungewöhnliche Ausgangslage für die Ende Februar anstehenden Bürgergemeinde-Wahlen. Für das grosse Interesse gibt es eine plausible Erklärung: Die Bürgergemeinde wird in Liestal mit ihren Landreserven und ihrer Finanzkraft – das Budget 2016 sieht einen Ertragsüberschuss von zwei Millionen Franken vor – zu einem immer wichtigeren Player. Gleichzeitig rückt sie mit ihren Projekten zusehends ins öffentliche Interesse. Stichworte aus der jüngsten Vergangenheit sind Baumwipfelpfad, Windräder am Schleifenberg und Wohnüberbauung Grammet.

Mit den steigenden Ambitionen wachsen auch die Konflikte mit der anderen Liestaler Exekutive, dem mehrheitlich rot-grünen Stadtrat. Wobei auch die unterschiedliche politische Ausrichtung mitspielen dürfte, denn der Bürgerrat ist klar bürgerlich. Und daran werden auch die Wahlen nichts ändern. Denn sieben der neun Kandidaten stammen aus FDP und SVP. Doch die FDP will die Karten grundlegend neu mischen: Sie tritt mit nicht weniger als fünf Kandidaten für die fünf Bürgerrats-Sitze an.

Peter Siegrist hinterlässt Lücke

Dahinter kann nur eine Botschaft stecken: Am liebsten würden die Freisinnigen die Bürgergemeinde im Alleingang regieren. Bereits heute verfügen sie mit Vize-Präsident René Steinle, Karin Jeitzinger und Daniel Sturzenegger über eine Mehrheit. Diese kandidieren zusammen mit dem ebenfalls Bisherigen Hans-Rudolf Schafroth von der SVP alle wieder, dazu kommen die beiden neuen Freisinnigen Vreni Büchi und Elsa Bürgin.

Vor allem die in Liestal bestens bekannte Unternehmerin Büchi, die auch für den Einwohnerrat kandidiert, hat gute Chancen, den Sitz des zurücktretenden Bürgergemeinde-Präsidenten Peter Siegrist (SVP) zu erben. Siegrist zu ersetzen, wird allerdings schwierig. Denn er führte mit seiner väterlichen, umsichtigen Art souverän auch durch emotional aufgeladene Bürgergemeindeversammlungen, wie etwa jene, als es um den umstrittenen, inzwischen ad acta gelegten Baumwipfelpfad ging. Zudem ist er der letzte Vertreter der bürgerrätlichen Pioniergeneration und damit das historische Gewissen: Erst vor zwölf Jahren wurde in Liestal eine eigene Behörde für die Bürgergemeinde ins Leben gerufen, zuvor hatte der Stadtrat eine Doppelfunktion inne. «Nach so langer Zeit im Bürgerrat, davon die letzten acht Jahre als Präsident, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, zu gehen», sagt der 68-Jährige.

Interessant bleibe es aber im Bürgerrat, versichert Siegrist. So würde derzeit eine Studie zur besseren Nutzung des Gevierts an der Rosenstrasse vom Werkhof bis zum Pavillon erstellt, in dem die Musikschule provisorisch untergebracht ist. Die SVP möchte nun nicht nur Schafroths, sondern auch Siegrists Sitz halten und schickt deshalb neu Denise Meyer ins Rennen. Ihre Chancen sind allerdings klein, spielt sie doch auch als Einwohnerrätin eine sehr diskrete Rolle. Besser sind die Karten des Banntag-Rottenführers Domenic Schneider (GLP) und des stadtbekannten ehemaligen Einwohnerratspräsidenten Hanspeter Stoll. Seine Kandidatur ist eine kleine Sensation, weil sich bis jetzt noch nie ein Sozialdemokrat für den Bürgerrat beworben hat. Stoll sagt: «Mich reizt, dass ich Liestal auch auf einer anderen Ebene als im Einwohnerrat gestalten kann. Zudem bin ich hier aufgewachsen und habe Liestal sehr gerne.»

Wir prognostizieren: Die vier Bisherigen machen das Rennen wieder; beim frei werdenden Sitz kommt es zu einem Zweikampf zwischen Büchi und Stoll. Wobei Prognosen bei einer Bürgerratswahl noch schwieriger als sonst sind. Denn der Wahlkörper besteht aus den 2300 Bürgern, die in Liestal wohnen, und den 200 aus dem übrigen Kanton, die die Wahlunterlagen abonniert haben. Und dieser Wahlkörper ist schwer fassbar.