Eine gestreifte Herrenunterhose liegt auf dem grossen Tisch. Sie wird im Computer verschlagwortet, erhält eine Nummer, die auch am Kleidungsstück angebracht wird. An einer Kleiderstange hängen bereits erfasste Pyjamas. Die Angaben in der Datenbank werden durch Fotos ergänzt. Die Inventarisierung der Hanro-Textilsammlung ist in vollem Gange. Diese kostbare und einzigartige Sammlung hat für die Geschichte und die Identität der Region eine grosse Bedeutung. Fast die Hälfte der Arbeit sei schon gemacht, schätzt die Verantwortliche Madeleine Girard. Alles ist ausgepackt und gesichtet und liegt und hängt nun in einer ehemaligen Hanro-Halle.

Rund 20'000 Kleidungsstücke zählt die Sammlung. Von jeder in der Hanro hergestellten Kollektion hat die Firma ein Muster der Grösse XS beiseitegelegt. Viele sind mit näheren Angaben, etwa dem Jahr, versehen, was die Inventarisierung erleichtert. Die Sammlung, zu der neben den Textilien auch ein umfangreiches Papierarchiv gehört, ist eine Dauerleihgabe der Hanro an den Verein Textilpiazza, der auf dem Hanro-Areal in Liestal wieder textiles Schaffen ansiedelt (siehe Box).

Was die Städter damals trugen

Die Freude über die vielfältige Aussagekraft der Hanro-Sammlung steht Girard und Christoph Schön, Geschäftsführer des Vereins Textilpiazza, im Gesicht geschrieben, als sie historische Schmuckstücke vorzeigen: ein Bettjäckchen aus den 1930er-Jahren, ein zitronengelbes dreiteiliges Ensemble, das Damen im Garten und am Pool trugen, eine elegante, taillierte Jacke zum Schlittschuhlaufen. 100-jährige Hemdchen sind in einem alten Schrank liebevoll zur Schau gestellt: «Es handelt sich um Unterwäsche aus Seidentrikot mit handgehäkelten Spitzen», so Girard. «Das war Luxus, den moderne Städterinnen in Frankreich und Grossbritannien trugen. Sobald diese Sammlung erschlossen ist, können wir dem Entwurfsprozess von damals und dem Umgang mit Körper und Kleidung in der Gesellschaft allgemein auf die Spur kommen.»

Fast schon wähnt man sich hier in einem Ausstellungsraum. Die Sammlung soll in absehbarer Zeit auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Führungen treffen auf grosses Interesse und Studierende sind ebenfalls schon im Archiv anzutreffen. Sie erinnern sich eventuell noch schwach, irgendwo schon diese durchbrochenen Gestricke und Wirkereien gesehen zu haben, an einer Grosstante vielleicht.

«Alle Stücke, die vor 1990 produziert worden sind, haben wir bereits erfasst», sagt Girard. Sie weist auf Stapel von hautfarbener Unterwäsche und bunter Bademode. Die Kleider liegen weich gebettet, mit einem Vlies geschützt. Sechs Hilfswissenschafterinnen sowie freiwillige Helferinnen, die sich auf einen Aufruf des Vereins Textilpiazza bei Benevol Baselland gemeldet haben, leisten einen wichtigen Beitrag bei der Inventarisierung der Textilien.

Eine Gruppe von weiteren Freiwilligen unterstützt den Verein bei der vertieften Erschliessung des Papierarchivs. Gerade werden grossartige alte Plakate geglättet. Das war und ist beste Werbung für die Hanro-Schätze.