Unterschiedlicher könnten die Ansichten nicht sein: Die Handelskammer beider Basel beklagt, dass der Bund die 14er-Tramverlängerung nach Salina Raurica aus dem Agglomerationsprogramm als vordringliches Projekt gestrichen hat und damit auch nicht mitfinanzieren will. Christoph Buser, Direktor der Baselbieter Wirtschaftskammer, ist dagegen der Ansicht, dass Baselland dem Bund für diesen Negativentscheid dankbar sein sollte: 140 Millionen Franken für eine neue Tramlinie nach einer noch weitgehend leer stehenden Industriebrache sind in Busers Augen schlicht irrsinnig. Während die Handelskammer fordert, das Projekt möglichst rasch zur Baureife zu bringen und dem Bund nochmals vorzulegen, fordert die Wirtschaftskammer eine Überarbeitung der gesamten Verkehrsplanung in diesem Kerngebiet der Baselbieter Wirtschaftsoffensive.

Die Frage, die sich nun stellt, ist ähnlich jener nach dem Huhn und dem Ei. Muss zuerst eine Tramlinie gebaut und betrieben werden, um potenzielle Grossinvestoren nach Salina Raurica zu locken, oder muss zuerst anhand real existierender Pendlerströme die öV-Infrastruktur angepasst werden? Dass es ein Erfolgsrezept der Wirtschaftsoffensive sein muss, Industrieareale möglichst schlüsselfertig vorzubereiten, um bei entsprechender Investorenanfrage rasch und unkompliziert abdrücken zu können, versteht sich von selbst. Doch welcher Grad an öV-Erschliessung muss es genau sein? Tut es nicht auch eine Buslinie? Erst recht, wenn in Salina Raurica bereits eine (schlecht genutzte) S-Bahn-Station steht? Selbst die Expertenmeinungen gehen bei solchen Fragen diametral auseinander.

Die Verlockung ist gross, mit der Aussicht auf die maximal 70 winkenden Bundesmillionen die Tramverlängerung um jeden Preis durchzustieren. Die bisherige Diskussion war von diesem Leitargument geprägt – im Einklang mit dem gebetsmühlenartigen Wehklagen über die Geringschätzung der Region Basel in Bundesbern. Hinzu kommt, dass Pratteln mit Nachdruck und Ungeduld auf den verlängerten 14er pocht, was der Standortgemeinde niemand wirklich übel nehmen kann. Dennoch: Die inzwischen in die Jahre gekommenen Verlängerungspläne mit den entsprechend angejahrten Kostenvoranschlägen sind öffentlich kaum auf ihre aktuelle Zweckmässigkeit hinterfragt worden. Obschon inzwischen die gesamte Verkehrssituation rund um Augst im Zuge der umstrittenen Hauptstrassensanierung und der überlasteten A 2 überdacht werden muss. Ganz zu schweigen von der Diskussion um die Verlegung der Rheinstrasse. Ohnehin würde es niemanden überraschen, wenn aus den 140 Millionen Baukosten plötzlich 200 würden. Spätestens dann stellt sich die Frage, ob es für die Arealentwicklung in Salina Raurica eine neue Tramlinie braucht.

Will es sich der klamme Landkanton wirklich leisten, nach Salina Raurica einen leeren 14er zu betreiben, während das Homburgertal regelmässig um das Überleben seines «Läufelfingerli» kämpfen muss? Der gesunde Menschenverstand sagt etwas anderes. Zum Glück hat Baudirektorin Sabine Pegoraro bereits bei der Umfahrung Augst bewiesen, dass sie sich für einen Neuanlauf bei einem offensichtlich verfahrenen Projekt nicht zu schade ist. Gerade sie weiss: Manchmal können Bundesmillionen einen Kanton ziemlich teuer zu stehen kommen.