Die graue Metallkiste im Durchgang ist für die Dampfturbine eines englischen Atom-U-Boots bestimmt. Daneben montiert ein Mitarbeiter Steuergeräte für Kraftwerke: Turbinen müssen in einer exakt einzuhaltenden Geschwindigkeit drehen, damit die Frequenz im Stromnetz stimmt. Diese Kraftwerks-Drehzahlmesser und -Überwachungssysteme waren vor rund drei Jahrzehnten der Einstieg der heutigen Jaquet Technology Group ins heutige Geschäftsfeld: Alles messen, was rotiert.

1889 wurde die Firma vom Uhrenfabrikanten James Jaquet im bernischen Jura gegründet. Sein Sohn Alfred, Arzt und Pharmakologieprofessor, holte sie 1917 nach Basel und entwickelte sie in Richtung medizinischer Geräte und Prozessschreiber für die chemische Industrie. Aus dieser Zeit stammt auch ein grosser Teil der Firmengebäude unweit des Schützenmattparks: «Uhrmacherschläuche» nennt Co-CEO Markus Eigenmann diese Architektur: Schmale Bauten, damit jeder feinmechanische Arbeitsplatz Tageslicht hat. Diese sind für heutige Fertigungsabläufe alles andere als ideal. Doch würde Jaquet sie abreissen, dürfte man wegen der Zonenvorschriften nicht das gleiche Volumen neu bauen.

Rotation als Geschäftsfeld

In den 80er-Jahren verdrängte Elektronik die feinmechanischen Messgeräte. Jaquet verpasste diese Entwicklung und schrieb Verluste. Damals stieg der heutige Inhaber, Marc Jaquet, als Vertreter der fünften Generation ins Geschäft ein. Von da an beschäftigte man sich mit Drehzahlmessung: Zuerst ging es um Kraftwerke und industrielle Maschinen. ABB ist auch heute noch der grösste Schweizer Jaquet-Kunde. Dann bezogen Weltmarktführer für grosse Schiffsdiesel wie Sulzer, MAN und Wärtsilä Drehzahlmesser aus dem Basler Wohnquartier.

Eisenbahnbauer wie Bombardier oder Alstom verlassen sich auf Jaquet-Sensoren, damit die Loks beim Anfahren nicht durchdrehen und die Räder beim Bremsen nicht blockieren. Wer heute in einen Zug einsteigt, kann sicher sein, dass pro Achse ein Jaquet-Bauteil mit an Bord ist. Und wo Helikopter knattern, kontrolliert meistens ein Sensor aus Basel die Rotor-Geschwindigkeit. Der grosse Sprung nach vorne kam aber vor 15 Jahren mit dem Einstieg in die Automobil-Technik: Bei Drehzahl-Sensoren für die Turbolader bei Lastwagen-Dieselmotoren hat Jaquet heute einen Weltmarktanteil von über 90 Prozent – beachtlich für ein kleines Unternehmen mit nur 140 bis 150 Mitarbeitenden in Basel und knapp 50 im Zweigwerk in China. Die Stärke der Jaquet-Sensoren: Sie halten auch in der grossen Hitze der Abgas-Turbinen den starken Vibrationen und anderen Widrigkeiten stand.

Hinzu kommt eine starke Ausrichtung auf weltweite Märkte. So unterhält Jaquet in den USA ein eigenes Verkaufsbüro, und in Basel achtet man auf eine vielsprachige Verkaufsabteilung. Zudem ist man als relativ kleines Unternehmen flexibel genug, auch für kleine Stückzahlen auf Kundenwünsche rasch eingehen zu können. Und auf neuen Märkten ist man präsent. So zählt der Windkrafthersteller Vestas zu den Referenzkunden.

Derzeit ist Jaquet daran, den Personenwagen-Markt zu erobern. Dabei habe man nicht die simplen Drehzahlmesser für die ABS-Systeme im Auge, erklärt Eigenmann: «Diese sind zu einfach, die Preise zu tief und die Konkurrenten zu gross.» Stattdessen zielt Jaquet wieder auf Nischen, wo Hightech mit hoher Wertschöpfung gefragt ist. So findet man die Sensoren etwa in den V-Motoren von Audi.

Lange ein Areal gesucht

Schon heute produziert die Auto-Abteilung von Jaquet im Dreischichtbetrieb. Für weitere Expansion wird es nun in Basel definitiv zu eng. «Wir haben lange gesucht, viele Möglichkeiten bis hin zu zwei Testplanungen ausgelotet und uns dann für die Achse Muttenz-Pratteln-Augst entschieden», berichtet Eigenmann. Zwar sei weiter von der Stadt entfernt der Boden billiger. «Doch die Erreichbarkeit für unsere Mitarbeiter aus allen Richtungen war entscheidend.» Mit dem Grundstück auf dem Hug-Areal in Pratteln in der Nähe des S-Bahnhofs mit Viertelstundentakt sowie Tram- und Busverbindungen in der Nähe sei dies gegeben. «Und endlich können wir eine rationelle Produktion auf einer einzigen Ebene aufbauen.» Hinzu kommt, dass man den Vorteil der Flughafennähe nicht verliert: Ein grosser Teil der Jaquet-Produkte – hoher Wert, wenig Gewicht und vom Kunden gewünschte kurze Lieferfrist – wird per Luftfracht transportiert.

Der Umzug ist auf den Jahreswechsel 2016/2017 geplant – rechtzeitig für eine neue Produktgeneration für PKW-Motoren, die 2018 in Produktion geht. Das bisherige Firmenareal in Basel dürfte dann einer Wohnüberbauung weichen.

Mit einem Jahresumsatz von rund 50 Millionen Dollar – Letzterer entspricht derzeit fast einem Franken – zieht damit ein hochrentables KMU ins Baselbiet. Eigenmann betont allerdings, dass es für die Region keinen Unterschied mache, ob Jaquet in der Stadt oder der Agglomeration produziert. «Gäbe es die Kantonsgrenze nicht, würde man den Umzug als Bestandspflege auffassen.»