Den ersten Menschen, den die Biel-Benkemer Hausärztin Erika Preisig in den Freitod begleitet hat, war ihr eigener Vater. «Nach dem zweiten Hirnschlag versuchte er, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen.» Als er nach drei durchschlafenen Tagen wieder aufwachte, machte er seiner Tochter klar, dass er nicht mehr leben wollte. «Weil er nicht mehr sprechen konnte, zeigte er in einem Buch mit Symbolen auf einen Zug und machte mit der Hand einen Würgegriff.» Sie wollte nicht zulassen, dass er - sie nennt es «harten» - Suizid begeht. Darum habe sie ihm den Freitod mit der Organisation Dignitas ermöglicht. Gehadert habe sie, als Ärztin Hemmungen gehabt, ihn, den ehemaligen Heilsarmee-Offizier, so gehen zu lassen. Nachdem er die tödliche Dosis Pentobarbital zu sich genommen hatte, lehnte er den Kopf an ihre Schulter.

Klare Antwort auf Kontroverse

Selber den Tod bestimmen, darf das ein Mensch? Auf die kontroverse Frage hat Erika Preisig nach dem Tod ihres Vaters für sich eine klare Antwort gefunden: Sie ist davon so überzeugt, dass sie nach mehrjährigem Engagement bei Dignitas letztes Jahr mit Eternal Spirit eine eigene Stiftung gegründet hat, die schwer kranken Sterbewilligen den Freitod ermöglicht. Seit September hat Eternal Spirit eine Wohnung im Basler Merian-Iselin-Quartier und begleitet dort auch schwer kranke Ausländer in den Tod - zum Unmut der Behörden.

Das Interesse an ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit und an der Stiftung ist gross. Doch die Frage nach der Anzahl Mitglieder von Eternal Spirit oder die Frage, wie viele Freitodbegleitungen sie bisher durchgeführt hat, die machen Erika Preisig wütend: «Meist interessiert niemanden, in welchem Zustand die Menschen sind, wenn sie in den Freitod gehen und warum sie gehen wollen.»

Willen des Menschen respektieren

In ihrer Hausarztpraxis begleitet Preisig viele Menschen mit fortschreitenden degenerativen Krankheiten bis in den Tod. «Die meisten entscheiden sich für den palliativen Weg.» Auch ihren Vater hätte sie lieber so «gehen lassen». Aber: «Er war sein Leben lang ein sehr selbstbewusster Mann. Er wollte sich nicht pflegen lassen.»

Beratung und Begleitung, darauf legt sie grossen Wert und hat darum den Verein Lifecircle gegründet. «Ich sehe es als Teil der hausärztlichen Arbeit, Menschen bis zum Ende zu begleiten.» Es sei zentral, den Willen eines Patienten zu respektieren, auch, wenn er nicht wolle, dass alles gemacht wird, was medizinisch möglich ist. «Leider ist das nicht so, teilweise trotz Patientenverfügungen.»

Preisig sieht den begleiteten Freitod als Notausgang, als Ultima Ratio der Selbstbestimmung: «Das Wissen um diese Möglichkeit führt dazu, dass einige Menschen zum Schluss mehr Lebensqualität haben.»

Die Schicksale der Kranken, die sie begleitet, berühren. Zum Beispiel jenes einer Frau, die an der gleichen Krankheit litt wie die Mutter - die sich deswegen Jahre zuvor umgebracht hatte. «Die Frau war aggressiv und unzufrieden, dachte an Suizid. Sobald sie wusste, dass sie in den Freitod gehen kann, konnte sie nochmals das gute Grosi sein für mehrere Monate. Als sie gehen konnte, lächelte sie erleichtert.»

Diese Momente der Dankbarkeit motivieren Erika Preisig: «Dann weiss ich, dass es richtig ist.» Die Reaktionen auf ihr Engagement, sie setzt sich auch für die Legalisierung des Freitodes in anderen Ländern ein, seien meist positiv. Manchmal prallt aber harte Kritik auf sie ein.

Sorgen über Druck

Erika Preisig ist sich der Problematik bewusst, dass sich Menschen angesichts der Zunahme von Alterskrankheiten unter Druck fühlen könnten, dem Leben ein Ende zu setzen, weil sie ihren Angehörigen zur Last fallen oder hohe Gesundheitskosten verursachen: «Das macht mir grosse Sorgen.» Es sei wichtig, dass die Möglichkeit nicht zu einfach zugänglich sei. Diese Woche hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg von der Schweiz gefordert, die Abgabe tödlicher Medikamente an Sterbewillige gesetzlich zu regeln.

Sie begrüsst klare Regeln: «Die Richtlinien der Nationalen Ethikkommission könnten die Grundlage sein.» Die Richtlinie befolgt sie selber, wenn jemand mit Todeswunsch an sie tritt. Wenn jemand «zu gesund» oder psychisch krank ist, sagt sie Nein. Bevor sie zustimmt, folgen viele Gespräche, auch mit Angehörigen, und es wird ein Gutachten durch einen weiteren Arzt erstellt. Die letzte Entscheidung aber, die fällt der Betroffene selber.