Ärztinnen und Ärzte sind es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Ihr Berufsethos verpflichtet sie dazu, Menschen in Not zu helfen. Viele nehmen auch gesellschaftliche Verantwortung wahr und setzen sich für ihre Überzeugungen ein. So auch Bettina Wölnerhanssen, Oberärztin der klinischen Forschungsabteilung im Claraspital Basel und Co-Präsidentin des Komitees «ÄrztInnen für den Atomausstieg». Sie engagiert sich seit über 15 Jahren für den Atomausstieg der Schweiz. Der morgige Abstimmungssonntag ist für sie also ein sehr wichtiger Tag.

«Das Thema Atomenergie begleitet mich schon lange. Bereits mein Grossvater hat sich dagegen eingesetzt.» Während ihres Medizinstudiums habe sie Menschen getroffen, die sie für das Thema sensibilisiert hätten. «Ein guter Freund von mir ist Krebsspezialist. Er hat damals das Gebiet von Tschernobyl bereist und mit russischen Ärzten gesprochen, die ihm aus dem Alltag einer Krisenregion berichten konnten. Das hat mich damals geprägt.» Heute ist sie Mitglied der Organisation ÄrztInnen für Soziale Verantwortung (PSR) und überzeugt, dass ein möglichst schneller Atomausstieg nur vernünftig ist.

Risiken und Nebenwirkungen

Was für Wölnerhanssen klar gegen das Weiterführen von Atomkraftwerken spricht, ist die Abwägung von Nutzen und Schaden, wie man sie bei jeder Patientenbehandlung auch berücksichtige. «Dabei geht es nicht nur darum, abzuschätzen, wie wahrscheinlich das Eintreten einer unerwünschten Wirkung ist, sondern auch, wie gravierend eine solche für den Patienten wäre. Und der Schaden, der bei einem Reaktorunfall entsteht, überwiegt den Nutzen von Atomenergie bei weitem.» Das Risiko werde gerne heruntergespielt. In einigen Forschungen sorge Lobbyismus dafür, dass man nur «die Spitze des Eisbergs» erkenne.

Die vorhandenen Notfallkonzepte des Bundes seien ebenfalls nur auf milde Unfälle abgestimmt, zehnmal schwächer als Fukushima und 100 Mal schwächer als Tschernobyl. «Das ist kein Worst-Case-Szenario», betont Wölnerhanssen. Bei so einem Unfall sei der wichtigste Faktor die Zeit. Zuerst müsse jemand den Unfall bemerken. Dann müsse der Betreiber des Atomkraftwerks die Behörden einschalten. «Das kann schon dauern, bis die sich dazu durchringen, zuzugeben, dass etwas nicht in Ordnung ist. Der Bundesrat muss entscheiden, ob evakuiert werden soll oder nicht und dann erst wird die Bevölkerung informiert», sagt Wölnerhanssen. Die Zeit ist also knapp.

«Wir Ärzte könnten kaum helfen»

Es gebe zwei Möglichkeiten: sofort fliehen, bevor die radioaktiven Stoffe in die Luft entweichen oder sich in den Keller zurückziehen. «Beides ist problematisch, denn um so viele Menschen zu evakuieren, sind unsere Verkehrswege schlicht zu eng. Und wenn man im Stau steht oder im Zug sitzt, wenn die radioaktive Wolke kommt, ist das verheerend.» Der Keller sei für viele Menschen keine gute Lösung. Die wenigsten Leute hätten genug Vorräte, um tage- oder wochenlang zu überleben. Die Isolation sei psychisch extrem belastend.

«Wir Ärztinnen und Ärzte könnten bei einem solchen Unfall kaum helfen. Zudem können wir selber in einen Konflikt mit unserem Berufsethos kommen.» Genauso wie Pflegepersonal, die Feuerwehr und die Polizei wären die Ärzte verpflichtet zu bleiben und zu helfen. Aber sie alle sind in diesem Fall selber auch Opfer. «Es ist nicht sicher, dass in dieser Situation jemand, der etwa Kinder hat, die berufliche Verantwortung über das Wohl seiner Familie stellt. Das wäre nur menschlich.»

Medizinisch nicht haltbar sei auch der festgelegte Toleranzwert radioaktiver Verstrahlung im Körper von 100 Millisievert. Das sei in Europa der höchste festgelegte Wert. «Radioaktivität hat keinen Schwellenwert. Es gibt keine Dosierung, die keinen Schaden anrichtet, auch wenn sie noch so klein ist.» Ausserdem würden die Schäden mit jeder Folgegeneration zunehmen. Man könne zum Beispiel den vollen Umfang des Schadens in Fukushima noch immer nicht abschätzen. Auch deshalb sprechen sich die Ärzte im Abstimmungskomitee klar für den Atomausstieg aus.

Hinauszögern sei Spiel mit Risiko

Das Argument des übereilten Ausstiegs scheint Wölnerhanssen nicht relevant. «Wenn man einen Patienten hat, dem nur ein Medikament helfen kann, dann verschreibt man es auch so schnell wie möglich und wartet nicht ab. Dieses Hinauszögern ist ein Spiel mit dem Risiko.» Wichtig für die Abstimmung seien drei Prinzipien: «Man muss selbstkritisch sein, belehrbar bleiben und nicht in Überheblichkeit verfallen.» Wer in den 60er Jahren noch für die Atomkraftwerke gewesen sei, müsse jetzt akzeptieren, dass man in der Zwischenzeit dazugelernt hat und nicht der überheblichen Vorstellung verfallen, dass «bei uns» sowieso nichts passieren könne. «Aber viele Leute wollen von diesen Risiken nichts hören. Wahrscheinlich weil die Vorstellung so schrecklich ist, dass man sie nicht wahrhaben will.»

Wie viele Menschen diese Ansichten teilen, wird sich am Sonntag an der Urne zeigen. «Ich gehe mit meinen Kindern nach Bern zum Abstimmungsfest. Es ist mir wichtig, dass sie lernen, dass man etwas unternehmen kann und nicht still zusehen muss, wie alles seinen Lauf nimmt.» Sie rechnet mit einem knappen Ergebnis, ist aber zuversichtlich, dass Fukushima den Leuten «den nötigen Schub» gegeben hat.