Neben dem privaten Eigentum und dem vom Staat kontrollierten «öffentlichen Eigentum» gibt es ein Drittes. Eigentum, das weder völlig vom Staat, noch von privaten Interessen und kommerziellen Nutzen kontrolliert und definiert wird. Der Wald ist Eigentum in kollektivem Besitz und liegt damit auch über den Ansprüchen und Vorgaben einer staatlichen Verwaltung und ausserhalb von privatem und wirtschaftlichem Interesse und profitorientierter Maximierung. Der Wald gehört in übergeordnetem Sinne uns allen und muss als «Allmend» verstanden werden. Damit ist der Wald grundsätzlich im «Allgemeinbesitz» der potenziellen Benutzer. Es besteht seit alters her ein gewohnheitsrechtlicher Zugang zum «Gemeingut Wald».

Mit Transparenten zielen die Waldbesitzer im Birsfelder Hardwald seit geraumer Zeit auf unser Portemonnaie und suchen nach Geld bringenden und «innovativen» Projekten, um die fallenden Holzpreise zu kompensieren, respektive die Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit zu optimieren. Sie fragen «Warum unsere Wälder 24 Stunden geöffnet sind?» und suggerieren, dass diese Zugänglichkeit eine geldwerte Dienstleistung der Wald- respektive Bodenbesitzer darstellt. Gleichzeitig verheimlichen sie damit aber auch, dass sie per Gesetz dazu verpflichtet sind, den Wald unabdingbar öffentlich zugänglich zu halten. Gebührenfrei, notabene!

SVP-Landrat Georges Thüring aus Grellingen übt sich derweilen in Polemik, wenn er am 9. November in der bz für die Waldbenutzung von den Einwohnern der Region eine generelle Waldbenutzungsgebühr von 20 Franken verlangt. Er vergisst dabei, dass es nicht möglich ist, den Einwohnern den Zugang zum Wald zu verwehren, respektive diesen Zugang von einer Gebühr abhängig zu machen. Das Zivilgesetzbuch legt im Artikel 699 den Grundsatz fest, dass «Wald und Weide von jedermann (...) betreten werden dürfen». Und das Waldgesetz schränkt die allgemeine Zugänglichkeit des Waldes lediglich ein als Schutz von Jungwuchs gegen Wildbiss, aus Gründen des Naturschutzes, zur Abwehr von Gefahren, zum Schutz von militärischen Anlagen und Kraftwerken. Der Wald ist also auch für die Politik nicht kommerzialisierbar. Und daher ist es unlauter, über eine Waldbenutzungsgebühr zu fantasieren.

Eine Schweiz ohne Wald ist undenkbar. Dies haben bereits unsere Vorfahren erkannt. Mit dem Waldgesetz von 1876 stoppten sie die fortschreitende Abholzung der Wälder. Diese Pioniertat zum Schutz der Schweizer Wälder hat sich bewährt. Mit seinen vielfältigen Funktionen als Rohstofflieferant, als Arbeitsplatz, als Ort der Erholung, als Lebensraum von Tieren und Pflanzen erbringt der Wald unschätzbare Leistungen. Er versorgt uns zudem mit guter Luft, filtert unser Trinkwasser und schützt uns vor Naturgefahren unterschiedlichster Art.

Mit der Waldpolitik 2020 stimmt der Bund die ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ansprüche an den Wald optimal aufeinander ab. Er stellt eine nachhaltige Bewirtschaftung sicher und schafft günstige Rahmenbedingungen für eine effiziente und innovative Wald- und Holzwirtschaft. Die Waldpolitik 2020 legt insgesamt elf Ziele fest. Diese lauten:

1. Das Potenzial nachhaltiger Holznutzung wird ausgeschöpft.

2. Der Wald und die Holznutzung tragen zur Milderung des Klimawandels bei. Die Auswirkungen auf seine Leistungen bleiben minimal.

3. Die Leistung des Waldes als Schutzwald ist sichergestellt.

4. Die Biodiversität bleibt erhalten und wird gezielt verbessert.

5. Die Waldfläche bleibt insgesamt erhalten.

6. Die ökonomische Leistungsfähigkeit der Waldwirtschaft wird verbessert.

7. Waldböden, Trinkwasser und Vitalität der Bäume werden nicht gefährdet.

8. Der Wald wird vor Schadorganismen geschützt.

9. Das Gleichgewicht Wald–Wild ist gewährleistet.

10. Die Nutzung des Waldes für Freizeit und Erholung soll schonend erfolgen.

11. Bildung, Forschung und Wissenstransfer im Zusammenhang mit dem Wald bleiben erhalten.

Für jedes Ziel formuliert die Waldpolitik 2020 mehrere strategische Stossrichtungen sowie verschiedene Massnahmen. Bei den Massnahmen ist in erster Linie der Bund in der Pflicht. Es werden jedoch auch die Rolle der Kantone sowie weiterer Akteure angesprochen (Waldeigentümer, Bewirtschafter, Waldfachleute, Verbände und so weiter). Die Waldpolitik 2020 löst das bisherige Waldprogramm Schweiz (WAP-CH) aus dem Jahr 2004 ab.

Der Zielsetzung des Waldgesetzes, nämlich der Erhaltung des Waldes nicht nur als naturnahem Lebensraum, sondern auch als prägendem, in der stadtnahen Landschaft für die seelische Gesundheit der Menschen wichtigem, stressausgleichendem Element, sollte wieder entschiedener Nachachtung verschafft werden. Denn unsere Wälder sind «Oasen in einer technischen Welt», wie es in der bundesrätlichen Botschaft zum Waldgesetz heisst. Der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume und mehr als ein Rohstofflieferant: Er ist ein vielfältiger Lebensraum. Das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen der verschiedenen Elemente im Ökosystem Wald geben den Rahmen für die optimale Erfüllung aller Waldfunktionen vor.