Im eigenen Land auf der Flucht. Ohne Geld, ohne Ausbildung und ohne Familie. Für den 23-jährigen Javid Sharifi* war ein Leben in Afghanistan zu gefährlich und er wollte sich eine solide Zukunftsperspektive aufbauen.

Bereits mit 13 Jahren lief er von seiner Familie weg. Über Umwege war er in die Schweiz gelangt - illegal, ohne Pass, ohne Garnichts, auf eigene Faust. Seine Familie wollte zwar, dass er zu ihr zurückkehrt, nun war er aber endlich in einem sicheren Land angelangt und wollte hier für seine Zukunft sorgen. Trotz anfänglichen Einfindungsschwierigkeiten blieb seine Mühe nicht unbelohnt.

In der Schweiz angekommen, verbrachte Sharifi einige Zeit in Asylzentren. Sein erstes Ziel war es, Deutsch zu lernen, denn ausser Persisch war er keiner anderen Sprache mächtig. Ab diesem Zeitpunkt wurde das Wörterbuch zu einem seiner treuesten Begleiter. Auch der gleichaltrige Afghane Tayeb Abuzar wollte sich von der unglücklichen Situation in seinem Heimatland lösen - seine Flucht, ein Horrortrip: Während der Aufstände musste er sich immer verstecken, hatte teilweise tagelang weder Nahrung noch Unterschlupf.

Auch er musste sich mit der andersartigen Kultur erst anfreunden. Für ihn war es etwa ungewöhnlich, sich mit dem weiblichen Geschlecht zu unterhalten, denn in seinem Heimatland ist dies untersagt. Die fehlenden Sprachkenntnisse machten den Einstieg auch nicht leichter: «Ich hatte oft Albträume von meiner Familie und wünschte mir jemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte», sagt er. Abuzars Mutter ist zudem schwer krank, besuchen darf er sie nicht, da sie kein gültiges Arztzeugnis vorweisen kann. Seine Angst ist gross, dass er sie kein nächstes Mal sehen wird.

Ohne Schulabschluss

Dreieinhalb Jahre nach ihrer Flucht leben Sharifi und Abuzar gemeinsam in einer Wohnung in Röschenz, mit dem Ausweis «F» als «vorläufig aufgenommene Ausländer». Durch Freunde haben sie sich 2011 kennen gelernt. Seither lernen sie miteinander und unterstützen sich gegenseitig, denn sie hatten nicht nur die Sprachbarriere zu bewältigen: Schulisch begannen sie von Null, weder Sharifi noch Abuzar verfügen über einen Schulabschluss. Schuld war bei Sharifi die herrschende Gewalt an der afghanischen Schule, sodass sich der junge Mann schon bald nicht mehr dorthin traute. Abuzars schulischer Werdegang sieht nicht besser aus: Als er neun war, starb sein Vater, und um seine Familie ernähren zu können, arbeitete der Sohn ab diesem Zeitpunkt in einer Schneiderei.

Die jungen Afghanen lassen sich von dieser Hürde nicht einschüchtern. Seit dreieinhalb Jahren leben sie fernab der Krawalle, haben durch viel Motivation und Wille sehr gut Deutsch gelernt. Abuzar traut sich zwar noch heute kaum Deutsch zu sprechen, weil er glaubt, es sei nicht gut genug für die Zeit, die er in der Schweiz verbracht hat. Dennoch ist er sehr engagiert, seine Sprachkenntnisse zu verbessern und sich Wissen anzueignen: «Solch eine Chance darf man sich nicht entgehen lassen.

Lernen im neuen Land

«Hier in der Schweiz können wir sehr viel lernen und uns um unsere Zukunft kümmern», sagt Abuzar. Sharifi pflichtet ihm bei: «In unserer Heimat muss man für sein Geld sehr hart arbeiten - die Entlohnung ist lächerlich, und die Zukunftsaussichten erst. Die Möglichkeiten hier müssen wir nutzen.» Heute drücken er und sein Mitbewohner zusammen mit Schweizern die Schulbänke der Allgemeinen Gewerbeschule Basel, müssen zusätzlich zur Unterrichtssprache auch noch Mathe, Französisch und Englisch von null auf erlernen. Beide erhalten vom «Osea», einem Projekt der reformierten Kirche Basel, tatkräftige Unterstützung und Nachhilfeunterricht in Sachen Sprachen. «Wir müssen sehr viel mehr leisten als die anderen Schüler», beteuert Abuzar.

Gute Aussichten

Dennoch dürfen sich die Afghanen auf gute Aussichten freuen: Abuzar kann nach den Sommerferien in Breitenbach eine Lehrstelle als Pflegeassistent beginnen. «Für mich ist das sehr erleichternd; ich habe 105 Bewerbungen geschrieben. Als Antwort erhielt ich nur Absagen», sagt er. Nach der Lehre werde er schauen, wie es beruflich weitergeht und dann möglicherweise zurück zu seiner Familie und Bekannten und diese unterstützen.

Ebenfalls ab August tritt Sharifi seine Ausbildung als Fachmann Betriebsunterhalt an. Zurück zu seiner Familie wird er aber in naher Zukunft nicht gehen, die Umstände in Afghanistan würden dies nicht zulassen. Lieber schliesst er hier seine Ausbildung ab und «falls es soweit kommt und ich hier eine Familie gründen soll, werde ich in der Schweiz bleiben», blickt er in die Zukunft.

*Name geändert