Lotti Stokar, räumen Sie gerne auf?

Lotti Stokar: Ja. Warum fragen Sie?

Sie würden gerne Sachen anpacken, aber nicht so gerne aufräumen – das sagten Sie 2008 in einem bz-Interview auf die Frage, welches denn Ihre Schwäche sei. Das war bei Ihrer Kandidatur für das Gemeindepräsidium. Hinterlassen Sie eine unaufgeräumte Gemeinde?

An diese Aussage kann ich mich jetzt so spontan nicht erinnern. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich bin überzeugt, dass ich eine sehr aufgeräumte Gemeinde hinterlasse.

Inwiefern?

Es ist doch so: Eine Gemeindepräsidentin kann sich weniger konkrete Projekte zuschreiben. Die sind in den einzelnen Ressorts versorgt. Das heisst, dass die Zusammenarbeit der Ressorts untereinander und mit der Verwaltung gut sein muss. Dafür muss wiederum die Verwaltung gut aufgestellt sein. Und das ist uns gelungen. So kann ich zu Recht behaupten: Aufräumen muss ich als Gemeindepräsidentin nicht mehr, weil die Verwaltung gut aufgeräumt ist.

Das wird Ihren Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin freuen. Sie treten nicht mehr an. Ihr Parteikollege Christian Pestalozzi erreichte bei den Gemeinderatswahlen Ende Februar am zweitmeisten Stimmen, hinter der CVP-Vertreterin Rita Schaffter. Bleibt das Präsidium in der Hand der Neuen Liste Oberwil?

Christian Pestalozzi entscheidet alleine, ob er antreten wird. Im Dorf wird auch häufig der Name meines früheren Gegenkandidaten Hanspeter Ryser von der SVP genannt. Ich weiss aber nichts von allfälligen Entscheiden.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre zwei Amtszeiten: Was würden Sie anders machen?

(überlegt lange) Mir fällt nichts ein. Das tönt nun ziemlich hochnäsig, nicht? (lacht)

Wir lassen Sie noch ein wenig überlegen.

Sagen wir es so: Es gibt Dinge, die ich heute anders machen würde – im Sinne von, dass ich anders vorgehen würde.

Wie denn?

Ruhiger, überlegter, weniger ungestüm. Zu Beginn meines politischen Engagements in der Gemeinde gab es Themen, die mir sehr wichtig waren. Ich habe Forderungen eingebracht, ohne Rücksicht zu nehmen auf die politischen Machtverhältnisse. Einmal kam es vor, dass mich eine Person ein Jahr lang nicht mehr auf der Strasse gegrüsst hat. Allerdings konnte ich vieles davon auch umsetzen. Geschäfte so forsch vorantreiben, das mache ich heute aber nicht mehr, auch nicht im Landrat. Da habe ich einen politischen Stil übernommen, der angepasster ist – vielleicht auch, weil ich nicht mehr so viel Energie habe. Darum bin ich überzeugt, dass es immer wieder neue Leute braucht in der Politik. Es ist gut, wenn man neuen Kräften Platz macht.

In Ihrer letzten Amtszeit gerieten Sie vor allem medial stark in die Kritik. Ihr Mann hatte mit seiner Bauherren-Treuhandfirma einen Auftrag für die Begleitung des Schulhaus-Neubaus der Gemeinde erhalten. Ihnen wurde Vetternwirtschaft vorgeworfen. Was würden Sie heute anders machen?

Nichts. Ich bin immer in den Ausstand getreten, als wir das Geschäft im Gemeinderat behandelt haben. Nur ganz am Anfang, als es um ein Detail ging, habe ich mich eingebracht. Es stellte sich die Frage nach der Art von Wettbewerb, welchen wir ausschreiben sollten. Ich wusste – und das gebe ich offen zu – aus Erfahrung im Büro meines Mannes, dass es bessere und schlechtere Varianten gibt. Ich habe also für ein Verfahren plädiert, bei dem ich wusste, dass die Gemeinde kaum mit Kostenüberschreitungen rechnen muss.

Der medial transportierte Vorwurf war genereller. Es hiess, dass eine Firma prinzipiell keinen Auftrag von einer Gemeinde erhalten dürfe, in welcher die Frau eines Partners Präsidentin ist. Auch die bz warf diese Frage auf.

Die Firma meines Mannes vom Wettbewerb auszuschliessen, wäre gar nicht möglich gewesen. Das war eine Submission nach Gatt/WTO und somit für alle offen. Die Geschäftsprüfungskommission hat in ihrem Bericht über das Schulhaus-Geschäft dann auch noch kritisiert, dass ich an der erwähnten Auswahl-Sitzung nicht hätte dabei sein dürfen. Das war etwas spitzfindig und unnötig.

Würden Sie aus heutiger Sicht nicht sagen: Ich spare mir lieber die Energie, gegen diese Vorwürfe anzukämpfen, und trete von Beginn an in den Ausstand?

Es wäre wohl geschickter gewesen, von Beginn weg in den Ausstand zu treten. So hätte ich null Angriffsfläche geboten.

Hat Ihnen die schlechte Presse geschadet?

Ja, ich denke schon. Ich habe zum Beispiel bei den Landratswahlen vor einem Jahr auffällig weniger Stimmen erhalten als vier Jahre zuvor. Das führe ich auf die vielen Artikel zurück, in welchen ich der Vetternwirtschaft beschuldigt worden bin.

Der erwähnte GPK-Bericht war an der Gemeindeversammlung aber gar kein Thema.

Ja, das war ja das Erstaunliche. Aus meiner Sicht ging es vielen auch darum, dass sie mich im Fahrwasser der Kampagne, welche die «Basler Zeitung» führte, anonym anschwärzen konnten. Als man seine Kritik an der Gemeindeversammlung persönlich hätte vortragen müssen, kam aber fast nichts mehr.

Heute bewegt sich die Gesellschaft eher in die Richtung Null-Toleranz bei derartigen Fragestellungen. Verwandte werden von solchen Aufträgen von Beginn weg ausgeschlossen, auch wenn diese vielleicht die beste und günstigste Lösung anbieten könnten.

Das ist so. Die Gesellschaft ist da sensibler geworden. Zu Recht: Korruption darf es nicht geben, Vetternwirtschaft ist die Vorstufe zur Korruption. Ich kann aber nicht nachvollziehen, dass ich hier das Opfer sein sollte. Die Firma meines Mannes hat sich keine goldene Nase verdient mit diesem Auftrag. Mir ist aber schon immer bewusst gewesen: Als Gemeindepräsidentin steht man im Schaufenster. Ich halte am Stop-Schild immer an, auch mit dem Velo – ich gehe nie bei Rot über die Strasse, auch wenn sie leer ist.

Denken Sie, dass Sie in Oberwil kritischer beobachtet wurden als ihre Vorgänger? Als Frau, als Zugezogene, als Grüne, als Nicht-Katholikin im Leimental?

Ich denke schon. Da fällt mir eine Anekdote ein von meinem Wahlkampf für den Gemeinderat 1997. Ich war die erste Kandidatin überhaupt, welche die NLO ins Rennen schickte. Meine Hauptkonkurrentin war von der CVP, sie stammt aus einem alten Oberwiler Geschlecht. Der Wahlkampf wurde pointiert geführt – aus heutiger Sicht müsste man sagen: gehässig. Die CVP warb für ihre Kandidatin mit dem Slogan: «Weil sie Oberwil besser kennt». Da kamen wir mit: «Lotti Stokar. Weil sie nicht nur Oberwil kennt.» Uiuiui! Das sorgte für böses Blut. Aber es klappte trotzdem.

Politisch aktiv waren Sie aber schon vorher.

Ja. In meinem ersten Vorstoss an einer Gemeindeversammlung forderte ich die Einführung eines Häcksel-Dienstes. Die Idee hatte ich von Zollikon, wo ich herkam und wo es das schon gab: einen Gratis-Häckseldienst.

Der Häcksel-Dienst politisierte Sie?

Nein, politisch aktiv war ich vorher schon. Mein Mann und ich traten ein Jahr, nachdem wir nach Oberwil gezogen waren, der Aktion Wohnliches Oberwil bei. Aber der Häcksel-Vorstoss machte mich schon bekannter. Ich war danach für viele die Häcksel-Lotti. So kommt man zu seinen Übernamen ...

Sie haben es schon gesagt: Sie hinterlassen ein aufgeräumtes Oberwil. Aber wie geht es der Gemeinde?

Oberwil geht es gut. Wir haben wachsende Steuereinnahmen. Wir sind ein beliebter Wohnort. Die Gefahr sehe ich beim Verkehr. Wir müssen schauen, dass wir nicht überrollt werden. Aber insgesamt gehe ich mit einem guten Gefühl.