Herr Delnon, das Theater Basel hat einen gesellschaftlichen Auftrag und bekommt dafür vom Staat Geld. Können Sie diesen Auftrag kurz umreissen?

Georges Delnon: Der Auftrag ist im besten Sinne ein Bildungsauftrag. Das heisst, das unglaublich reichhaltige Kulturerbe wird gepflegt und immer wieder auf seine Aktualität hin befragt. Zudem ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Neues entsteht: neue Texte, neue Kompositionen, Inszenierungen und Choreografien, dass also dieses Kulturerbe immer weiter wächst. Daraus entsteht die für unsere Gesellschaft wichtigste Reflexions- und Identitätsebene. Das heisst: Unsere Identität speist sich aus unserer Kultur und unserer Kulturgeschichte. Wobei ich den Kulturbegriff sehr weit fasse, vom Volksbrauch bis zur neuen Musik.

Wenn das Theater einen Bildungsauftrag hat, was ist dann das Bildungsziel?

Das Bildungsziel ist es, diese Identität, dieses Bewusstsein zu schaffen und weiter zu entwickeln. Wenn sich meine Kinder im Theater mit Goethe, Lessing, Frisch oder heutigen Autoren wie Bärfuss auseinandersetzen, wird das ihr kulturelles und damit auch ihr politisches und soziales Bewusstsein als Citoyen stärken.

Ist das Theater dafür nicht zu hermetisch? Manchmal verstellen neue Inszenierungen einem schon fast den Weg zum Autor. Wäre einfacher nicht besser?

Ich glaube, dass es da um Qualität geht. Denken Sie zum Beispiel an die Musik: Amateur- und Jugendorchester spielen Mozart oder Schubert in einer Mehrzweckhalle. Das ist ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Auftrags. Es ist aber genauso wichtig, dass es Spitzenensembles wie das Sinfonieorchester Basel oder das Tonhalleorchester Zürich gibt, die dieselben Werke auf höchstem Niveau im Konzertsaal spielen. Um ein altes Bild aus dem Sport zu bemühen: Je breiter die Basis, desto höher die Spitze. Das versteht man im Fussball sofort. Es gilt aber auch für die Kultur. Der Unter- und Mittelbau, in dem vor allem Amateure ihrer Leidenschaft frönen, ist entscheidend wichtig für uns. Deshalb setzen wir uns auch ein für das Angebot von musischen Fächern schon in der Grundschule. Kinder sollen ruhig Opernerfahrungen haben und mitbekommen, dass man eine Geschichte auch singen oder tanzen kann. Das hat auch sehr viel mit Fantasiebildung zu tun.

Das Theater Basel verliert Zuschauer.

Das kann man so nicht sagen. In der vergangenen Spielzeit 2011/12 gab es einen Zuschauerrückgang.

Heisst das, dass es seinen gesellschaftlichen Auftrag weniger gut erfüllen kann, weil es weniger Menschen erreicht?

Nein; hier geht es um Polemik. 2007 bis 2011 hat das Theater an Zuschauern zugelegt und hat jetzt in einer Spielzeit einen Rückschlag erlebt; das hat ganz klar mit der verlorenen Baselbieter Theaterabstimmung zu tun und den Folgen: happige Preiserhöhung, Reduktion des Angebots und weniger Aufführungen. Ich glaube, dass ein Theater eben ein sehr sensibler Organismus ist, der klare Rahmenbedingungen und Planungssicherheit braucht. Jetzt zu Ihrer Frage: Auf jeden Fall wünscht sich jeder Theaterintendant, dass die Zahl der Zuschauer zunimmt. Natürlich möchte man möglichst viele Menschen mit dem, was man produziert, erreichen. Es ist auch ganz banal so, dass für Sänger, Schauspieler und Tänzer es nichts Schöneres gibt, als vor einem vollen Haus aufzutreten.

Ein Teil der Aufgabe ist es sicher, (im Sinne Brechts) zu stören. Bloss: Anders als früher regen sich die Leute nicht mehr auf, sondern bleiben fern.

Die Debatte hat früher vielmehr in den Theatern selbst stattgefunden. Die Leute kamen, freuten oder ärgerten sich, die Gemüter erhitzten sich wunderbar: Das Theater war viel mehr eine Agora. Heute findet die Debatte im Internet, auf Blogs oder auf Kommentarseiten statt. Da fehlt die Unmittelbarkeit. Wir hatten in den letzten Jahren eine Reihe mit der Wochenzeitung «Die Zeit» mit Vorträgen und anschliessenden Diskussionen. Da blitzte zuweilen eine 70er-Jahre-Atmosphäre auf: Es gab sie wieder, die hitzigen Debatten! Es ist klar, dass viele immer wieder diesen Zeiten nachtrauern. Wie auch immer, wir müssen die gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen in unsere Arbeit einbeziehen. Das Theater wird sich immer wieder einen Weg freischaufeln und sich behaupten. Ich bin überzeugt, dass das Theater weiterhin unbequem sein und als subversive Kraft den Finger auf die wunden Stellen der Gesellschaft legen wird.

Offensichtlich gibt es nicht eine Krise der Theater; die Vorfasnachtsveranstaltungen in den Kleintheatern sind jeweils im Nu ausverkauft. Wie erklären Sie sich das?

Vorfasnachtsveranstaltungen erfüllen ein ganz anderes Bedürfnis als das klassische Theater. Ich schätze diese Veranstaltungen im Übrigen sehr. Für mich ist das auch ein Teil der Kultur und des Kulturbewusstseins, das Basel prägt. Man darf es aber nicht mit dem Bildungsauftrag des Theaters vergleichen. Das heisst aber nicht, dass Theater nicht auch unterhaltsam sein kann. Im Gegenteil. Ich habe jetzt gerade Massimo Rocchi als Regisseur lanciert. Er hat bewiesen, dass man Oper auf wunderbar unterhaltsame Art machen und einen Komponisten wie Haydn so rüberbringen kann, dass es einem breiten Publikum Spass macht. Ich habe es mir eigentlich immer auf die Fahne geschrieben, gegen eine vergeistigte Form von Theater, die nur noch ein paar Happy Few verstehen, anzugehen. Ich glaube sehr an im besten Sinne populäres Theater.

Das Theater war einmal ein städtisches Ritual.

Ist es nach wie vor: Wir haben ein sehr durchmischtes, aber spannendes Premierenpublikum. Es kommen sehr viele Exponenten der Basler Gesellschaft.

Wie kann man das Theater Basel retten?

Man muss das Theater Basel nicht retten, denn es gibt keine Krise. Der Kulturkonsum an sich kennt zurzeit keine Krise. Es gibt aber eine Basler Boulevardzeitung, die grosse Probleme hat und gerne Krisen bei andern herbeischreibt. Aber das Theater ist schon in den letzten 1000 Jahren immer wieder totgeschrieben worden und immer wieder wie Phönix aus der Asche auferstanden. Und so werden die Zahlen auch wieder besser. Vor allem scheint der Neuanfang im Schauspiel auf deutlich höhere Resonanz zu stossen.