Herr Brenner, der Kanton Baselland setzt seinen Fokus nicht auf Heimzuweisungen, sondern auf ambulante und integrative Massnahmen. Das widerspricht den Interessen der Heime, oder?

Pascal Brenner: Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive kann ich da zustimmen. Fachlich kann das aber sehr kontrovers diskutiert werden. Es macht meiner Meinung nach Sinn, grundsätzlich nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen und stattdessen ambulante und integrative Massnahmen stationären Interventionen vorzuziehen. Aber wenn ambulante Massnahmen nicht greifen, fehlt es den Jugendlichen zunehmend am Glauben, dass sich ihre Situation verbessern kann. Entsprechend sinkt die Bereitschaft, sich im Heim auf eine konstruktive Zusammenarbeit einzulassen. Ebenfalls kann ambulante «Pflästerlipolitik» mittelfristig finanziell teurer werden, denn durch die zunehmend schwierigeren Fälle im Heim sinken zwar die Belegungszahlen, aber die Kosten im Heimwesen steigen aufgrund der benötigten Spezialisten.

Heisst das, die Heime sind einfach Spielball der kantonalen Politik?

Heime sind ein Barometer für gesellschaftliche Entwicklungen. Wenn sich etwa der Drogenkonsum innerhalb der Gesellschaft häuft, merken wir das als einer der ersten, weil wir schnell damit konfrontiert sind. Deswegen haben wir uns auch zu einem wichtigen Partner für Politik und Verwaltung entwickelt. Wir sind nicht einfach die Opfer der Zuweisungspraktiken, denn lösen können wir das Problem nur gemeinsam.

Wie verändert sich die Situation für die Heime insgesamt?

Die Herausforderung, die sich den Heimen stellt, ist es, ebenfalls ambulante Angebote zu schaffen. So sind wir viel früher im Prozess involviert und können mehr erreichen. Die Heime müssen sich in Zukunft vermehrt laufend den Gegebenheiten anpassen.

Was heisst das konkret?

Traditionell sind Heime einseitig ausgerichtet. Sie haben beispielsweise den Schwerpunkt Schule, Wohnen oder Berufsintegration. Für viele Jugendliche die zu uns kommen, reicht eine solche Spezialisierung nicht mehr aus, weil sie Problemlagen auf mehreren Ebenen haben. Deswegen müssen sich die Heime zunehmend diversifizieren. Die logische Konsequenz daraus ist, dass Institutionen grösser werden müssen, um verschiedene Bedürfnisse abzudecken. Es ist davon auszugehen, dass es in Zukunft weniger Institutionen geben wird, dafür grössere.