Wenn du dort oben auf der Bühne stehst, im eleganten Kleid oder im schicken Anzug und nach vorne zum Rektor gerufen wirst, der dir einen Umschlag und eine Rose übergibt, dann weisst du, du hast es geschafft. Du hast die letzten dreieinhalb Jahre deines Lebens am Gymnasium verbracht, hast viele hundert Stunden gelernt – und nun bekommst du die Belohnung dafür: Du hältst das Maturitätszeugnis in den Händen, den (vermeintlichen) Schlüssel zu allen Türen deiner beruflichen Zukunft.

Diese oder ähnliche Erfahrungen machen die diesjährigen Maturandinnen und Maturanden der fünf Baselbieter Gymnasien an der Maturfeier. Die Eltern der Schülerinnen und Schüler dürfen zusehen, wie ihren Kindern der Beweis für das Erlangen der geistigen Reife feierlich überreicht wird – und erinnern sich vielleicht an ihre eigene Maturfeier von vor rund dreissig Jahren.

Doch seit 1985 hat sich einiges an den Gymnasien getan. Hat die Maturität oder «Matura» von heute noch die gleiche Bedeutung wie damals? Ist es schwieriger oder einfacher geworden, die Prüfungen zu bestehen? Was hat sich geändert?

Latein, Spanisch oder Russisch?

Sobald jemandem nach der Sekundarschule klar wird, dass er oder sie ans Gymnasium möchte, so wird man in der Regel ans nächstgelegene «Gymi» geschickt. Die Gymnasien Laufen, Liestal, Oberwil, Muttenz und Münchenstein wurden in den 1960ern und Anfang der 1970er-Jahre gegründet. Sie bieten alle das gleiche Angebot an obligatorischen Maturitätsfächern an: Deutsch, Französisch, Englisch, Geografie, Geschichte, Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Musik oder Bildnerisches Gestalten.

Zusätzlich wählen die Schüler heute vor Schuleintritt einen von zehn verschiedenen Schwerpunkten aus: Anwendungen der Mathematik und Physik, Biologie und Chemie, Griechisch, Italienisch, Latein, Musik, Russisch, Spanisch, Wirtschaft und Recht oder Bildnerisches Gestalten. Wenn für ein Fach mehr als vier Anmeldungen eingehen, kommt eine Klasse zustande und die Schüler werden in den nächsten dreieinhalb Jahren vier bis fünf Lektionen pro Woche in diesem «Schwerpunktfach» unterrichtet. Zusammen mit dem Ergänzungsfach, das ab Mitte der dritten Klasse dazukommt und der Maturaarbeit resultieren aus diesen Fächern die 13 Noten im Maturitätszeugnis.

Der gute alte «Typus»

Auch im Jahr 1985 wurden verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Damals sprach man aber von sechs «Typen»: dem altsprachlichen Typus A mit Griechisch und Latein, dem Typus B mit Latein und Englisch oder Italienisch, dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Typus C, dem neusprachlichen Typus D, dem Wirtschafts-Typus E und dem musischen Typus M. Im Vergleich zu früher hat man heute also mehr Auswahl, spezialisiert sich aber auch von Beginn an stärker.

Denn ab Mitte der dritten Klasse fallen Chemie, Physik, Geografie, Biologie und Musik oder Bildnerisches Gestalten weg und machen den Wahl- und Ergänzungsfächern sowie der Maturaarbeit Platz. Wie der Name schon sagt, kann der Schüler sich sein Wahl- und sein Ergänzungsfach selbst aussuchen und so seinen individuellen Interessen stärker nachgehen. «Es ist gut, dass man sich die Fächer selbst zusammenstellen und seinen Neigungen nachgehen kann. Doch es findet auch eine Aufsplitterung statt, wodurch einige Fachbereiche weniger ausführlich behandelt oder sogar ganz weggelassen werden», gibt Hansueli Wittlin zu bedenken. Er blickt auf 39 Jahre Erfahrung als Mathematiklehrer am Gymnasium Oberwil zurück und hat einige Bildungs- und Schulreformen miterlebt.

Die einschneidendste von allen war die Einführung des neuen Maturitäts-Anerkennungs-Reglements im Frühjahr 1995 (MAR 95), das im Baselbiet seit 2003 in Kraft ist. Auf dieser Verordnung basiert das heutige schweizweite System der Schwerpunkt-, Wahl- und Ergänzungsfächer, das an Baselbieter Gymnasien nach und nach eingeführt und angepasst wurde und die vorherigen sechs «Typen» ablöste.

Schwächung der MINT-Fächer

Nach der Einführung des MAR 95 habe die naturwissenschaftlich-technische Richtung plötzlich weniger Gewicht gehabt, erläutert Wittlin. Denn von den fünf Fächern, die ein Jahr vor Schulabschluss aufhören, um den Wahl- und Ergänzungsfächern Platz zu machen, sind drei naturwissenschaftlicher Art. Von den zehn heute möglichen Schwerpunktfächern sind es nur zwei, nämlich Anwendungen der Mathematik und Physik sowie Biologie und Chemie. Diese beiden Fächer werden von einigen Schülern und Lehrern als härtere Wege zur Maturität wahrgenommen als andere, denn beide sind dafür bekannt, dass man viel Stoff und sehr kontinuierlich lernen muss. So wählen vor allem Schüler, die sich noch nicht für einen spezifischen Studiengang oder eine berufliche Laufbahn entschieden haben, lieber Sprachen oder Wirtschaft als Schwerpunktfach.

Ob dieser Vorwurf seitens der Naturwissenschafter an die «einfacheren» Schwerpunkte berechtigt ist, lässt sich schwer nachprüfen. Es wurde jedoch bereits von der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) in einer Evaluation des MAR 95 im Jahr 2008 festgestellt, dass viele Maturanden nicht über das Niveau in Mathematik verfügen, welches für ein Universitätsstudium vorausgesetzt wird. In der Folge hat die EDK bereits einige Gegenmassnahmen ergriffen, um die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) wieder zu stärken. Beispielsweise wurde Informatik als Ergänzungsfach eingeführt.

Fakt ist jedenfalls, dass die Kompensation ungeliebter Unterrichtsfächer heute viel besser möglich ist als vor dreissig Jahren. Aufzeigen lässt sich das an den Bedingungen, die man heute nach geltender Verordnung erfüllen muss, um die Maturität zu erlangen:

1. «Die doppelte Summe aller Notenabweichungen von 4 nach unten ist nicht grösser als die Summe aller Notenabweichungen von 4 nach oben.» Das bedeutet, jede ungenügende Note (unter 4) muss doppelt kompensiert werden. Um eine 3 zu kompensieren (= 1 Minuspunkt) muss der Schüler beispielsweise in zwei anderen Fächern die Note 5 haben (= 2 Pluspunkte).

2. Höchstens vier Noten (von insgesamt 13) dürfen ungenügend sein (unter 4 liegen).

Um ein Beispiel zu nennen: Ich mag die Fächer Mathematik und Physik nicht, deshalb folge ich dem Unterricht nicht. Am Ende schaffe ich es mit Mühe und Not in beiden Fächern auf eine 2. Französisch kann ich zudem absolut nicht ausstehen, dort versuche ich es erst gar nicht und habe eine glatte 1 im Zeugnis stehen. Damit habe ich insgesamt sieben Notenpunkte unter einer 4 (= 7 Minuspunkte). In den übrigen zehn Fächern brauche ich also mindestens 14 Pluspunkte, da ich doppelt kompensieren muss. Habe ich in vier dieser zehn Fächer eine 6 und in den restlichen sechs eine 5, so ergibt das bereits 14 Pluspunkte. Damit habe ich beide Bedingungen erfüllt und bekomme die Matura, obwohl ich eine Niete in Mathe und Physik bin und absolut mangelhafte Französischkenntnisse habe.

Natürlich wäre das ein sehr extremer Fall, aber er verdeutlicht einen weiteren Punkt, den Wittlin anspricht: «Die Matura sollte eine Allgemeinbildung sein, eine breite Palette an Wissen, die alles abdeckt. Das ging in den letzten Jahren ein wenig verloren, man kann gewisse Fächer einfach ‹abwählen›.» Vor dem MAR 95 gab es nämlich jeweils Regelungen, die einen als Schüler dazu zwangen, einen gewissen Standard an Wissen in allen Fächern zu erbringen. So war im Jahr 1985 beispielsweise Voraussetzung, dass «unter den Maturfächern 1–10 (Anm. d. Red.: das sind bei den Typen A, B, C, D und E alle ausser Musik bzw. Zeichen) nicht folgende Noten vorkommen: eine Note 1 oder zwei Noten 2 oder eine Note 2 neben zwei Noten 3 oder mehr als drei Noten 3».

Neben dieser Regelung gab es noch die Vorschrift, dass die Notensumme aller Maturitätsnoten mindestens 58 betragen musste, wobei Deutsch, Mathematik und die beiden «Kernfächer», wie die heutigen Schwerpunktfächer damals genannt wurden, doppelt zählten. Das entspricht einem Schnitt von 3,87. Die Schüler konnten sich also keine stark ungenügenden Noten leisten und konnten vor den Maturprüfungen nicht so einfach durchrechnen, welche Noten sie in allen Fächern mindestens erzielen mussten, um die Matura zu erlangen.

Weniger Vorbereitungszeit für die Prüfungen

Die Maturitätsprüfungen selbst haben sich in den letzten dreissig Jahren inhaltlich nicht gross verändert. Von der Form her schon eher: Die Prüfungen von 1985 sind schreibmaschinengetippte Blätter, die mit handschriftlichen Sonderzeichen ergänzt und mittels Wachsmatrizen vervielfältigt wurden. Diesen Aufwand hätten aber nicht die Lehrkräfte gehabt, sondern das Schulsekretariat, erklärt Wittlin. 

Was sich hingegen verändert habe, sei der Zeitpunkt der Prüfungen. Im Jahr 1989 wurde der Anfang des Schuljahres von Frühling auf Sommer verschoben, wodurch auch die Maturprüfungen um ein Vierteljahr nach hinten rutschten. Lagen sie zuvor zwischen Sommer- und Herbstferien, so liegen sie heute zwischen Herbst- und Winterferien. «Die frühere Regelung hatte den Vorteil, dass vor der Matur noch einmal grosse Ferien lagen», erläutert Wittlin. «Praktisch alle Schüler nutzten diese Zeit, um den Stoff noch einmal zu repetieren und aufzufrischen.» Das mache schon einiges aus. Nachdem die Prüfungen nach den zweiwöchigen Herbst- anstelle der sechswöchigen Sommerferien zu liegen kamen, habe er festgestellt, dass Schüler, die in Mathematik eher schwächer waren, bei den Maturprüfungen tendenziell noch weiter abfielen. 

Das ergibt Sinn, wenn man bedenkt, dass heute parallel zur Prüfungsvorbereitung der normale Schulalltag weiterläuft. Selbst wenn man mit dem Repetieren rechtzeitig beginnt, ist man heute in der Zeit vor den Prüfungen sehr stark ausgelastet.

Eine Arbeit wie an der Uni

Ein sehr positive Veränderung war die Einführung der Maturaarbeit. Der Gymnasiast bekommt während des dritten Schuljahres die Aufgabe, eine erste grössere Arbeit zu schreiben. Dazu gehört viel Eigeninitiative: Man muss selbst ein Thema wählen, eine klare Leitfrage setzen, die man – unterstützt durch eine betreuende Lehrkraft – in Eigenregie zu beantworten versucht mit Hilfe von Fachliteratur, Experimenten und wissenschaftlicher Recherche. Eine ähnliche Arbeitsweise braucht man später auch an der Universität, durch die Maturaarbeit kann man sich darauf in einem geschützten Rahmen vorbereiten.

Seit 1991 gab es zwar schon die sogenannte «selbstständige Arbeit», die einen ähnlichen Umfang und Zweck hatte. Diese sei aber weniger stark reglementiert gewesen als die Maturaarbeit, sagt Wittlin. War die selbstständige Arbeit ungenügend, so wurde im Maturzeugnis «selbstständige Arbeit nicht erfüllt» vermerkt, was aber keine Konsequenzen im Bezug auf das Erlangen der Maturität hatte. Im Jahr 2003 wurde im Zuge des MAR 95 die Maturaarbeit eingeführt. Diese musste genügend sein, damit der Schüler zu den Maturprüfungen zugelassen wurde.

Dass die Maturaarbeit als 13. Note im Maturitätszeugnis zählt, ist eine sehr neue Entwicklung. «Ich finde das gut. Es steht ja auch ein gewisser Anspruch dahinter; man muss etwas leisten, um eine gute Maturaarbeit zu schreiben. Die Matur soll eine Vorbereitung auf die Universität sein und diese Arbeit trägt dazu bei», so Wittlin. Nicht allen Schülern sagt die Maturaarbeit als 13. Maturitätsnote zu, obwohl die starke Gewichtung den Arbeitsaufwand rechtfertigt. Immerhin beschäftigt man sich während eines ganzen Jahres damit.

Grössere Eigenverantwortung

Der Zweck der Matura hat sich in den letzten dreissig Jahren nicht verändert. Sie soll auf das Studium an einer Hochschule oder Universität vorbereiten und dem Schüler die nötigen Kompetenzen für jede mögliche Studienrichtung mit auf den Weg geben.

Wie gründlich diese Allgemeinbildung vermittelt wird, liegt heute aber viel mehr in der Verantwortung jedes Einzelnen. Jeder Gymnasiast hat die Wahl, in welche Richtung er sich spezialisieren möchte. Er bestimmt dabei selbst, wie viel Arbeit er in welches Fach investieren möchte, da die Kompensation sehr schwacher Noten in wenigen Fächern mit vielen guten Noten in den übrigen Fächern möglich ist.

Diese frühe Spezialisierung kommt Schülern zugute, die sich bereits sicher sind, welche berufliche Richtung sie später einschlagen möchten. Problematisch wird es, wenn sich diese Pläne nach dem Schulabschluss plötzlich ändern. Habe ich beispielsweise Spass und Interesse an der bildenden Kunst, so wähle ich am Gymnasium als Schwerpunktfach Bildnerisches Gestalten. Nachdem ich die Maturität erlangt habe, besuche ich einen Informationsabend und entdecke für mich die Studienrichtung Architektur. Nun brauche ich für meinen Berufswunsch plötzlich auch Mathematik – die ich vorher vernachlässigt habe und in der mir nun die entsprechenden Grundkenntnisse fehlen. Noch vor dreissig Jahren wären solche Defizite nicht möglich gewesen, da Mathematik im Maturitätszeugnis doppelt gewichtet wurde und stark ungenügende Noten nicht erlaubt waren.

Auf kurze Sicht mag die Matura also einfacher geworden sein, da jeder Gymnasiast die Fächer wählt, die ihm eher liegen als andere. Doch auf lange Sicht trägt er schon früh Verantwortung dafür, welche Bereiche seine Allgemeinbildung abdecken soll.

Und schliesslich ist die Maturität nicht nur ein Schlüssel zu allen Türen der beruflichen Zukunft. Sie ist Zeugnis von geistigem Reichtum – einem Fundus, aus dem wir unser ganzes Leben lang schöpfen können.