Nach Konzepten, Analysen und Strategien mit vielen schönen Worten folgt jetzt der Härtetest: Im April erhält die neu gestaltete Rathausstrasse im Herzen Liestals ihren ersten grossen Vitalisierungsschub. Dies in Form eines Genussmarktes, der ab 21. April Samstag für Samstag stattfinden soll. Stedtli-Entwickler Thomas Bretscher spricht von einem «Leuchtturm» für Liestal und meint: «Der Genussmarkt ist eine komplette Neuerfindung zwischen Tradition und Modernität.»

Die traditionellen Elemente: Der einst bedeutende Marktflecken Liestal erhält eine Art Wiedergeburt. Und das wie einst mit vorwiegend saisonalen Produkten aus der Region. Bretscher verweist auf die Vorgabe, dass 70 Prozent der angebotenen Produkte aus dem Baselbiet stammen müssen. Die modernen Elemente: Ab Anfang April erfolgt eine Kampagne in den sozialen Medien; die Kunden sollen speziell gewünschte Produkte bis Mitte Woche via die Plattform «Frisch & Regional» online bestellen und sie dann am Samstag am betreffenden Marktstand abholen können; alle Marktstände sollen Kreditkarten akzeptieren.

Es fehlt noch der Fischanbieter

Nach aktuellem Stand machen 26 Marktfahrer am «Gnussmärt Lieschtel» mit. Weil vier davon alternierend präsent sind, werden 23 Stände die Rathausstrasse beleben, was gegenüber der jetzigen Handvoll eine ganz neue Marktwelt bedeutet. Die angebotene Produktepalette reicht dabei von Lebensmitteln aller Art über Blumen bis hin zum Whisky. Bretscher: «Unser Ziel sind 30 Stände. Wir suchen jetzt nicht mehr weiter, sind aber offen für weitere Produzenten. Vor allem einen Fischanbieter hätte ich gerne noch.»

Das Ziel des Genussmarktes ist klar: Er soll die Rathausstrasse beleben und neues Publikum nach Liestal locken. Ist er aber mit seinem Angebot etwa von Backwaren und Fleisch nicht zugleich auch Konkurrenz zum lokalen Gewerbe? Retailspezialist Bretscher winkt ab: «Nein. Ich bin überzeugt, dass der Genussmarkt zusätzliche Frequenzen fürs Stedtli bringt, indem er Leute von weiter her nach Liestal lockt, die sonst nicht hierher kämen. Sie tätigen dann auch andere Einkäufe hier.» Wenn die Gewerbler diese Chance wahrnehmen und die neuen Kunden begeistern können, kämen sie auch unter der Woche nach Liestal. Diese Denkweise sei allerdings noch nicht überall verankert, weshalb es auch Skepsis gebe.

Keine gibt es beim wohl wichtigsten Vertreter von KMU Liestal, bei deren Sprecher Michael Bischof. Er sagt: «Der Genussmarkt hat für uns einen sehr hohen Stellenwert wie alles, was mehr Frequenz nach Liestal bringt.» Natürlich sei der Markt ein Stück weit auch Konkurrenz, aber der stelle man sich in Anbetracht der Qualität der Liestaler Geschäfte gerne. Für Bischof ist zentral: «Die Stände des Genussmarktes dürfen nicht mit ihrem Rücken vor einem Laden-Schaufenster stehen.» Dem KMU-Sprecher schwebt eine Standanordnung in der Mitte der Rathausstrasse ähnlich dem Weihnachtsmarkt vor. Das mache auch Sinn, weil die Stromanschlüsse dort vorhanden seien. KMU und die Stadtbehörden stünden in entsprechenden Gesprächen. Ausschlaggebend für die Anordnung ist letztlich aber das Plazet der Feuerwehr. Und das gibt es nur, wenn die Rettungswege für die Notfallfahrzeuge gewährleistet sind.

Einen neuen Markt vom Kaliber des Liestaler Genussmarkts aufzuziehen, ist nicht ganz billig. Laut Bretscher steht für die ersten beiden Jahre «eine hohe fünfstellige Summe» bereit. Zusätzlich werden Sponsoren gesucht. Ab drittem Jahr müsse der Markt selbsttragend sein.
Eine zentrale Rolle für die weitere Entwicklung spielt der künftige Marktchef. Um diese Stelle mit etwa 200 Jahresstunden haben sich fünf Leute beworben. Anstellungsgremium ist der neu gebildete Verein Genussmarkt Liestal mit Vertretern der Stadt, der Produzenten und von KMU im Vorstand. Verein und Marktchef haben die nicht leichte Aufgabe, das aufflackernde Feuer «Gnussmärt Lieschtel» in Zukunft ganzjährig am Brennen zu halten.