Der sofortige Rücktritt Paul Hofers als Chef der Baselbieter FDP Anfang Dezember lässt viele Fragen offen. Die offizielle Begründung, wonach die starke berufliche Belastung mit seiner Firma Hutman Diagnostics ausschlaggebend gewesen sei, ist wohl bloss die halbe Wahrheit. Hofer hat mit teilweise widersprüchlichen Aussagen selbst wenig zur Klärung der Situation beigetragen.

Von der bz Mitte Oktober befragt, ob ein Rücktritt in Griffnähe liege, sagte der schon damals kritisierte Parteichef: «Überhaupt nicht.» Nur sieben Wochen später nahm er den Hut. In der bz vom Montag äusserte sich der Oberwiler erstmals ausführlich zum Rücktritt: Der Gedanke, das Amt abzugeben, sei bereits in den Monaten zuvor gewachsen.

«Ein riesiges Fettnäpfchen»

Nun bestätigen mehrere FDP-Mitglieder, dass seitens der Parteileitung Druck auf den 71-Jährigen ausgeübt wurde, das Präsidium abzugeben. Offiziell sagt das in dieser Schärfe niemand – die Parteileitung hat zu Details einer Aussprache mit Hofer Stillschweigen vereinbart.

Am deutlichsten wird Rolf Richterich. Der Chef der Landratsfraktion sitzt seit acht Jahren in der Parteileitung: «Letztlich hat Paul Hofer selber entschieden, als Präsident zurückzutreten.» Zugleich räumt Richterich ein, dass die «Widerstände gegen ihn am Schluss sehr gross waren». Hofer hat organisatorisch in der FDP keinen Stein auf dem anderen gelassen und mit eigenmächtigen Entscheiden einige Parteigranden vor den Kopf gestossen. «Paul Hofer war isoliert. Politik ist Kommunikation. Doch das war und ist nicht seine Stärke.»

Richterich lastet Hofer zwei gravierende strategische Fehler an. Den ersten leistete sich Letzterer gleich zu Amtsbeginn, als er verkündete, die FDP wolle bei den Regierungswahlen 2019 zwei Sitze halten. «Damit brachte er sich in einem sehr frühen Stadium der Verhandlungen mit den Partnern SVP und CVP in eine unmögliche Position. Ein riesiges Fettnäpfchen», sagt Richterich.

Gebracht hat Hofers markige Ansage ebenfalls nichts: Die FDP musste den Anspruch früh aufgeben und steigt nun «nur» mit einer Kandidatin, Bildungsdirektorin Monica Gschwind, in die Wahlen vom 31. März. Den zweiten Bock schoss Hofer laut Richterich, als er sich im Hinblick auf den Wahlkampf demonstrativ von den Wirtschaftsverbänden distanzierte. Damit vergraulte Hofer den bereits zuvor kritischen Wirtschaftskammer-nahen Flügel vollends.

Schenker sucht Nähe

Hofers Nachfolgerin Saskia Schenker hat bereits eine Kurskorrektur eingeleitet: Wie die Parteipräsidentin ad interim am FDP-Neujahrsapéro betonte, sucht sie die Nähe aller regionalen Wirtschaftsverbände. Neben der Wirtschaftskammer sind das die Handelskammer beider Basel und der Arbeitgeberverband Basel. Deren Argumente sollen im parteiinternen Diskurs wieder stärker einbezogen werden.

Dass die FDP wieder zur alten Schule zurückkehrt, in der die Wirtschaftskammer-nahen Landräte den Ton angeben, stellt Schenker in Abrede: «Die FDP ist breit aufgestellt. Flügeldenken liegt mir fern.» Dass sie selbst wegen ihrer beruflichen Vergangenheit als Kampagnenleiterin bei der Wirtschaftskammer-Tochter IWF AG als verbandsnah wahrgenommen wird, taxiert die 39-jährige Itingerin als Missverständnis: «Wer mich kennt, weiss: Ich verfüge über ein eigenständiges politisches Profil.»

Hofer räumte mit Clandenken auf

Zum Rücktritt Hofers will Schenker keine weiteren Aussagen machen. Unter meinungsführenden FDP-Mitgliedern kursieren zum Thema unterschiedliche Einschätzungen. Zwar herrscht eine gewisse Erleichterung über den Wechsel nach 16 Monaten mit dem fahrigen, teilweise unberechenbaren Hofer an der Parteispitze.

In die Kritik an strategischen Fehlentscheiden mischt sich aber auch Lob für den Mut, die Partei neu aufzustellen: «Paul Hofer hat mit dem zuvor verbreiteten Clandenken aufgeräumt, die Partei ist offener geworden», sagt ein FDP-Mandatsträger zur bz. Er wisse von einigen Freisinnigen, die sich heute in der Partei wohler fühlen und dafür Hofer dankbar seien.

Auch war es just der 71-jährige distinguierte Herr, der mit Personalentscheiden die Partei deutlich verjüngt hat. Indem er etwa die 22-jährige Jungfreisinnige Naomi Reichlin in die Parteileitung holte oder mit Gina Zehnder eine junge Geschäftsführerin anstellte. Hofer habe es verstanden, frühere Amtsträger einzubinden, zudem sei er aktiv auf die Sektionen zugegangen, sagt FDP-Landrat Marc Schinzel, der 2017 von Hofer in die Parteileitung berufen wurde.

Das sind Kontrapunkte zur Kritik an Hofer. Sie lassen darauf schliessen, dass in der Baselbieter FDP die Flügelkämpfe trotz dem persönlichen Bekenntnis der Präsidentin ad interim wohl doch nicht der Vergangenheit angehören.