Frau Brenzikofer, am Mittwoch wurde die Kantonalpartei der Grünen-Unabhängigen Baselland offiziell vorgestellt. Was für ein Gefühl ist es für Sie als Präsidentin der Baselbieter Grünen, mitzuerleben, wie eine direkte Konkurrenzpartei entsteht?

Florence Brenzikofer: In erster Linie bin ich enttäuscht, aber auch verärgert. Gerade, dass wir in den letzten Tagen vieles aus der Presse erfahren mussten, war nicht fair.

Im Vorstand der Grünen-Unabhängigen sitzt mit Esther Maag auch eine Exponentin, die die Grünen früher stark mitprägte. Bedauern Sie ihren Wechsel?

Bedauern ist das falsche Wort. Es ist wirklich ein Ärgernis. Esther Maag hat sich bereits zweimal sehr deutlich aus der Baselbieter Politik und von uns Grünen verabschiedet. 2008 mit dem Wechsel zu «Telebasel» und 2014 nochmals mit der Begründung, sie sehe keine Zukunft mehr in der Politik. Jetzt hinzustehen und so zu tun, als ob wir ihr keinen Platz zur Entfaltung gelassen hätten, ist nicht okay. Bei uns hatte sie alle Möglichkeiten.

Maag kritisiert aber genau das: Die aktuelle Parteileitung verdränge intern Leute, die etwas bewegen und erreichen wollen.

Das stimmt schlicht nicht. Esther Maag konnte wie keine andere Frau bei uns Grünen im Baselbiet politisieren. Sie hatte in den letzten zehn Jahren alle Ämter inne, die es bei uns gibt: Parteipräsidentin, Fraktionschefin, Landratspräsidentin und auch Vorstandsmitglied der Grünen Schweiz. Als sie sich dort für das Präsidium bewarb, haben wir sie empfohlen und zur Unterstützung nach Genf begleitet. All diese Möglichkeiten erhielt sie dank den Grünen Baselland. Den Weg, sich aus der Politik zurückzuziehen, hat sie selbst gewählt. Ihre Kritik zeugt von einer gewissen Enttäuschung, dass ihr der Sprung auf die nationale Bühne nie gelungen ist.

Bei der Pressekonferenz der Grünen-Unabhängigen sagte Maag, seit über einem Jahr liege ihr Austrittsschreiben in ihrer Mailbox bereit. Wussten Sie davon?

Nein. Warum kandidierte sie dann erst gerade im Bezirk Waldenburg für den Landrat und liess sich von den Grünen Liestal neben Lukas Ott als Nationalratskandidatin portieren? Das ist für mich nicht glaubwürdig und passt nicht zusammen.

Sie spricht von verkrusteten Machtstrukturen, vom Machtgehabe der Geschäftsleitung und One-Man-Shows. Das ist ein düsteres Bild ...

Diesen Vorwurf verstehe ich nicht. Wir haben eine sechsköpfige Geschäftsleitung und einen 30-köpfigen Vorstand, in dem sie selbst lange aktiv war. Wir Grünen sind sehr demokratisch aufgestellt und haben flache Hierarchien. Wir führen offene Diskussionen.

Am direktesten kritisiert Maag Fraktionschef Klaus Kirchmayr. Er würde alles kontrollieren und nichts delegieren können. Wie beurteilen Sie diesen direkten Angriff?

Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich arbeite sehr gut mit Klaus Kirchmayr zusammen. Ich kümmere mich um Parteibelange und er sich um die Fraktion. Dass die Kommunikation zum Landrat über ihn läuft, ist nichts als normal. Eine solche Aufgabenteilung ist in jeder Partei Usus.

Esther Maag und Jürg Wiedemann wollen mit der Liste 10 der Grünen-Unabhängigen in den Nationalrat. Sie sind damit direkte Konkurrenz von Grünen-Nationalrätin Maya Graf. Machen Sie sich Sorgen?

Wir haben die wahrscheinlich stärkste Siebener-Liste zusammengestellt, die die Baselbieter Grünen je hatten. Das war mir nach den Verlusten bei den kantonalen Wahlen vom Februar besonders wichtig. Neben Maya Graf sind Lukas Ott, Karl-Heinz Zeller, Klaus Kirchmayr, Philipp Schoch, Anna Ott und ich dabei. Unsere Kandidaten sind breit abgestützt, bekannt, besitzen einen grossen Leistungsausweis und sind von Alter und Geschlecht gut durchmischt. Unser Ziel ist ein Wähleranteil von 10 Prozent (2011 erreichten die Grünen 13,7%, Anm. d. Red.) Ich weiss sehr genau: Wir müssen für unseren Sitz sehr hart arbeiten.

Dabei helfen Listenverbindungen. Was für Signale haben Sie, dass sich die umworbene EVP im Herbst eher mit ihnen als mit den Grünen-Unabhängigen verbinden wird?

Die Gespräche mit der EVP, aber auch der SP und der GLP laufen noch. Der Vorstand entscheidet erst im Mai. Eine Mitte-Links-Koalition halte ich aber für wichtig. Zuversichtlich stimmt mich, dass die neue Fraktionsgemeinschaft mit der EVP im Landrat kein Schnellschuss ist, sondern aus einer lange bewährten Zusammenarbeit heraus entstanden ist. Es reicht schon der Blick auf die nationale Politik, um zu sehen, dass die Grünen und die EVP etwa bei sozialen Themen sehr ähnlich politisieren.

Wiedemann betont immer, dass er in seinem Herzen noch Grüner sei. Er rechtfertigt den Angriff auf den Grünen Sitz damit, dass dank der Grünen-Unabhängigen die Basis Grüner Wähler insgesamt vergrössert werde. Davon profitierten beide Parteien. Glauben Sie, dass das möglich ist?

Die Grünen-Unabhängigen braucht es einfach nicht. Ich nenne sie die Partei «Starke Schule». Dieser Name wäre ehrlicher gewesen, denn ich sehe keinen Unterschied zwischen dem Komitee Starke Schule Baselland und den Grünen-Unabhängigen. Die Vorstände sind teils deckungsgleich und an Themen habe ich bisher nur die Bildungspolitik gesehen, welche die Sekundarlehrer, die die Grünen verlassen haben, schon bei uns forciert haben. Eine vollwertige Partei kann sich nicht auf ein einziges Thema konzentrieren, das reicht nicht für den Nationalrat und nicht für den Kanton.

Die Grünen-Unabhängigen präsentierten am Mittwoch eine Auflistung ihrer Kernthemen: Unter anderem Umwelt schützen, soziales Engagement und nachhaltige Ökologie. Sie sagten selbst, dass sie sich praktisch nur bei der Bildung von den Grünen unterscheiden ...

Eben. Es braucht keine «anderen» Grünen. Das sind unsere Themen. Wir wurden gewählt, sie zu pflegen. Ich möchte sowieso den Fokus wieder etwas weg von der Personalpolitik hin zu den Sachthemen lenken. Ich denke da an die laufende Totalrevision des Energiegesetzes, die es nur dank einem Vorstoss von uns überhaupt gibt. Das Ziel muss sein, bis 2030 die Hälfte der Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Übrigens: Ein Themenblatt macht noch lange kein fundiertes Parteiprogramm. Eine Partei aufzubauen, braucht Zeit.

Befürchten Sie nun noch weitere Austritte von Grünen-Mitgliedern oder gar ganzen Sektionen?

Höchstens noch von ein paar einzelnen Mitgliedern. Bisher sind ja praktisch nur jene gegangen, die auch Teil des Komitees Starke Schule sind. Ich stehe auf jeden Fall in engem Kontakt zu unseren Ortssektionen. Und da kann ich auch Positives vermelden: Wir verzeichnen einige Neubeitritte. Bisherige Sympathisanten kommen nach dem Ausschluss von Jürg Wiedemann auf uns zu und sagen: «Jetzt trete ich bei.» Und vor kurzem konnten wir in Sissach ja eine neue Ortssektion gründen.

Sieben Mitglieder der Ortssektion der Grünen Birsfelden, darunter Präsidentin Daniela Mitchell, haben Ende März ja den Wechsel der ganzen Sektion zu den Grünen-Unabhängigen beschlossen. Sie kündeten darauf eine interne Untersuchung an, ob alles statutenkonform ablief. Wie ist hier der Stand?

Ich habe sofort bei Daniela Mitchell angefragt und Belege für einen regelkonformen Entscheid gefordert. Doch seit zehn Tagen habe ich nichts von ihr gehört. In der Zwischenzeit haben uns aber andere Mitglieder der Grünen Birsfelden gesagt, dass sie gar nicht gefragt wurden und es auch keine Mitgliederversammlung gegeben habe. Ein Austritt der ganzen Sektion darf vereinsrechtlich aber nicht per Telefonumfrage beschlossen werden. Daniela Mitchell ist uns eine Erklärung schuldig.

Heisst das, Sie akzeptieren die Abspaltung nicht?

Wir wollen einfach Klarheit. Solange diese fehlt, wehre ich mich dagegen, dass die Medien im Fall Birsfeldens immer von der ganzen Sektion sprechen, die sich abgespaltet habe. Wir haben bereits dortige Mitglieder, die sicher bei uns weitermachen wollen.

Die Grünen-Unabhängigen führen laut eigenen Angaben Gespräche mit mehreren «bekannten Grünen» für die Nationalrats-Liste. Wissen Sie, wer gemeint ist?

Nein.

Vor vier Jahren waren die Baselbieter Grünen in einem Hoch. Doch zuletzt stürzte die Partei durch die Verluste bei den Landratswahlen und das Zerwürfnis mit Jürg Wiedemann in eine Krise. Was für Fehler haben Sie rückblickend gemacht?

Vielleicht haben wir uns nach den früheren Erfolgen etwas stark zurückgelehnt. Nach dem 8. Februar haben wir eine detaillierte Wahlanalyse gemacht. Das Fazit: Wir müssen mehr auf die Strasse gehen und unsere Wähler mobilisieren. Die Hälfte der Stimmen, die wir verloren haben, waren Grüne Sympathisanten, die gar nicht an die Urne gegangen sind. Vor allem müssen wir auch bei den Jungen zulegen. Zum Glück haben wir eine aktive Jungpartei, die uns dabei unterstützt. Auch müssen wir vermehrt lokale Grünen-Mandatsträger für kantonale oder nationale Listen motivieren. Mit dem Arlesheimer Gemeindepräsident Karl-Heinz Zeller ist uns das für den Herbst bereits gelungen.

Überdenken Sie auch die interne Kommunikation und die Führungsstruktur der Grünen? Ist ein Rücktritt für Sie ein Thema?

Nein, das ist es nicht. Aber seit Februar führen wir in der Geschäftsleitung viele kritische Gespräche. Wir müssen sicher über die Bücher. Personelles soll aber wirklich intern besprochen werden und nicht in der Öffentlichkeit. Dass dies zuletzt anders war, das ist für mich die grosse Enttäuschung der vergangenen Wochen.