Die Baselbieter Sterbebegleiterin Erika Preisig erfüllte am Donnerstagmorgen in Liestal einer 92-jährigen Französin den Wunsch eines Freitods durch das starke Gift Natrium-Pentobarbital (NaP). Für die Biel-Benkemer Hausärztin, die 2017 mit der Stiftung Eternal Spirit fast 80 Menschen in den Freitod begleitete, war das nicht selbstverständlich.

Seit das Heilmittelinstitut Swissmedic und die Staatsanwaltschaft (Stawa) Baselland eine Strafuntersuchung gegen Preisig wegen des möglichen Verstosses gegen das Heilmittelgesetz führen, verweigerte die bisherige Apotheke, mit der Preisig zusammenarbeitete, die Herausgabe von NaP. Erst vor zwei Tagen erklärte sich eine andere Apotheke aus dem Baselbiet bereit, einzuspringen. Doch auch wenn die NaP-Beschaffung klappte, möchte Preisig Anderes unbedingt wieder ändern, wie sie der bz am Donnerstag Nachmittag nach der Sterbebegleitung erzählte.

Frau Preisig, Sie waren ja am Vortag noch unsicher, ob die Apotheke das NaP wirklich der Tochter der Patientin aushändigt. Wie lief es nun?

Erika Preisig: Die Apotheke hat wie vereinbart der Tochter das NaP gegen das Vorweisen eines von mir ausgestellten Rezeptes und einer schriftlichen Vollmacht ihrer Mutter übergeben. Ich bin wirklich froh, hat alles geklappt. Die Sterbebegleitung an sich lief dann friedlich wie immer ab.

Bisher haben immer Sie selbst das NaP in der Apotheke geholt, was einer der Kritikpunkte von Swissmedic ist. Nun holte die Tochter der Patientin das überaus starke Gift. Wie erging es ihr dabei?

Die Übergabe selbst verlief reibungslos. Doch für die Tochter war das eine sehr starke Belastung. Sie konnte die Nacht davor kaum schlafen. Sie hat Angst, dass sie sich dadurch in Frankreich strafbar macht, da auf Beihilfe zum Suizid Gefängnis steht. Ich versuchte ihr klarzumachen, dass noch nie ein Angehöriger unserer ausländischen Patienten belangt worden ist, doch weil sie selbst das Medikament abgeholt hat, ist sie verunsichert.

Im Nachgang des Freitods kommen ja jeweils Stawa, Polizei und Gerichtsmedizin zur Kontrolle. Lief das auch wie immer ab?

Grösstenteils schon. Mit einem Unterschied: Nur wenige Stunden nach dem Freitod ihrer Mutter wurde die Tochter von einem Polizisten verhört. Er hakte mehrfach nach, ob sie mir wirklich das ganze NaP abgegeben oder etwas behalten hat. Das habe ich so noch nie erlebt und finde es unhaltbar. Die Angehörigen haben es schon genug schwer. Überhaupt waren Stawa und Polizei besonders hartnäckig bei ihren Nachfragen.

Werden Sie nun immer einen Angehörigen das NaP holen lassen?

Ich habe bereits kommende Woche die nächste Begleitung. Dort werde ich es wohl wieder so machen müssen. Doch langfristig kann das keine Lösung sein, das ist mir klar geworden. Ich betreue zwar fast zu drei Vierteln Ausländer, die zu mir reisen, doch auch einige Schweizer, zu denen ich gehe. Laut Swissmedic darf ich das NaP ja nicht lagern. Wie soll ein Angehöriger aus dem Bündnerland es am selben Morgen des Freitods in die Baselbieter Apotheke schaffen? Ich brauche eine Lösung, die für alle funktioniert.

Und die wäre?

Langfristig bräuchte es in jedem Kanton eine Apotheke, die NaP herausgibt, das würde viel erleichtern. Und ich hoffe, dass wieder ich selbst oder ein Vertreter meiner Stiftung das NaP holen darf. Zudem muss ich als Ärztin es auch lagern dürfen. Denn das verstehe ich nach wie vor nicht: Bei jedem anderen Medikament wie Morphium läuft alles über den Arzt, nur das tödliche NaP gibt man lieber einer Privatperson mit.

Kantonsapotheker Hans-Martin Grünig hat Ihnen ja schriftlich bestätigt, dass Sie es mit schriftlicher Vollmacht auch selbst holen dürfen ...

Das reicht mir nicht. Wegen des laufenden Verfahrens gehe ich keine Risiken mehr ein. Ich gehe erst wieder selbst, wenn ich eine schriftliche Bestätigung von Swissmedic oder der Stawa habe.