So etwas ist sich Monica Gschwind nicht gewohnt: Die Baselbieter Bildungsdirektorin wurde am Mittwoch mit Lob eingedeckt. Dass der Kanton aufgrund einer rechtlichen Prüfung zum Schluss kam, dass Schulen künftig unter Androhung von Sanktionen Schüler dazu verpflichten dürfen, den Lehrern die Hand zu reichen, kam grösstenteils sehr gut an. Viele Kommentatoren stützten die Argumentation des Kantons: Die Gleichstellung von Mann und Frau sowie Integrationsbemühungen von Ausländern seien in diesem Fall höher als die Religionsfreiheit einzuordnen.

Doch wie kommt diese harte Handhabe bei Muslimen an? Schliesslich sind nun vorübergehende Schulausschlüsse, Bussen bis zu 5000 Franken oder ausländerrechtliche Massnahmen möglich. Die bz sprach mit mehreren Islam-Experten. Die Meinungen gehen weit auseinander – sehr weit.

Baselland jetzt Vorbild?

«Die Baselbieter Behörden haben absolut richtig reagiert», sagt etwa die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI), Saïda Keller-Messahli. Sie könne sich gut vorstellen, dass Baselland damit zum Vorbild für andere Kantone, aber auch für andere Länder wird. Dabei unterstützt Keller, dass Sanktionen ausgesprochen werden können. Für sie sei die Verweigerung des Händedrucks keine Bagatelle, «sondern ein Zeichen des politischen Islams». Überhaupt sagt sie: «Ich schliesse aus, dass sich die beiden Therwiler Schüler von sich aus weigerten. Jugendliche Muslime wollen sich integrieren, werden aber manipuliert.»

Explizit nennt Keller den Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS), der die betroffene Familie in der Sache beriet. Tatsächlich ist es der IZRS, der die Baselbieter Regelung nun am lautesten kritisiert. In einer Mitteilung nennt er sie die «Unfähigkeit, mit den Herausforderungen einer im religiösen wie kulturellen Sinne heterogenen Gesellschaft umzugehen». Die Bildungsdirektion überschreite zudem grob ihre Kompetenzen. Der IZRS droht, «rechtlich dagegen vorzugehen», sollten tatsächlich Bussen ausgesprochen werden.

Kommt es zum Rechtsstreit, könnte der Weg bis ans Bundesgericht oder gar nach Strassburg führen. Hier zeigt sich eine andere Islam-Expertin, die Basler Muslimin Jasmin El-Sonbati, zuversichtlich: «Das Bundesgericht hat in der Vergangenheit tendenziell Integration stärker gewichtet als Religion.» El-Sonbati, die das FFI mitbegründet hat, begrüsst zwar wie Keller grundsätzlich, dass «die Gepflogenheit des Händedrucks mit dem Baselbieter Beschluss gestützt wird». Sie hält aber die Sanktionsmöglichkeiten für problematisch: «Bussen müssen möglichst verhindert werden.» Stattdessen, so El-Sonbati, müsse man viel stärker auf einen Dialog setzen und den betroffenen Jugendlichen klarmachen, dass sie sich mit der Weigerung selbst gesellschaftlich ausgrenzen.

Zwang bringe weitere Isolierung

Regelrecht zerrissen wird der Händedruck-Zwang vom Basler Religionswissenschafter Christoph Peter Baumann. Er, der über 35 Jahre lang zum Islam in der Region Basel geforscht hat, nimmt die Baselbieter Regelung «mit einem Kopfschütteln» zur Kenntnis. «Der Jurist, der das Gutachten verfasst hat, hat offensichtlich von Religion keine Ahnung», sagt Baumann. Es sei aus einer Mücke ein Elefant gemacht worden, denn dass Muslime je nach Glaubensauslegung dem anderen Geschlecht die Hand nicht reichen, sei völlig normal und habe sich in der Region schon lange etabliert.

Vor allem stört Baumann die Verknüpfung mit der Diskriminierung der Frau: «Das ist Blödsinn. Es geht nicht um Gleichstellung, denn auch gewisse Musliminnen geben ja Männern die Hand nicht.» Dass die Schulen sogar Bussen aussprechen können, bezeichnet er als «schlicht daneben», da es nicht wie beim Schwimmunterricht um schulische Inhalte gehe. Baumann glaubt auch nicht, dass sich der Zwang durchsetzen lässt. Dies hätten Schul-Konflikte auch mit anderen Glaubensminderheiten gezeigt. Denn solcher Druck fördere die Isolierung, nicht die Integration der Jugendlichen.

Das sieht Saïda Keller-Messahli ganz anders. Wenn man nicht dagegenhalte, werde es immer mehr Probleme geben. «Die klaren Regeln stärken die Jugendlichen, sich von Islamisten nicht vereinnahmen zu lassen.» Überhaupt sei es im Sinne der muslimischen Familien, zu kooperieren und sich zu integrieren, denn, so Keller, «sie wollen ja unbedingt hier leben».