Rund 950 Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft waren für die dreitägige Generalversammlung nach Dornach gereist. Der Volkskongress der Rudolf-Steiner-Bewegung probte ein Stück Demokratie und hatte erstmals in seiner Geschichte über die Zusammensetzung des Vorstandes mit zu bestimmen. Nach den 2011 geänderten Statuten kann die Versammlung die Vorstände zwar weiterhin nicht wählen, diese müssen sich jedoch alle sieben Jahre in einer «Zäsur» von der Generalversammlung bestätigen lassen.

Und die Versammlung nutzte bei erstbester Gelegenheit ihre neue Macht: Den zwei langjährigen Vorstandsmitgliedern Bodo von Plato (60) und Paul Mackay (72), die eine weitere siebenjährige Amtszeit anstrebten, wurde die Bestätigung verweigert. Per sofort traten sie daraufhin von ihren Vorstandsämtern zurück.

Knapper Ausgang

Die Ausmarchung, die am vergangenen Samstag in einer geheimen Abstimmung gipfelte, war hoch umstritten. Ziemlich genau die Hälfte der anwesenden Mitglieder stimmte explizit gegen Mackay (49,8 Prozent) und von von Plato (51,7 Prozent). Da sich über sechs Prozent der Mitglieder der Stimme erhielt, verfehlte aber nicht nur von Plato, sondern auch Mackay die Unterstützung für eine weitere Amtszeit. Desavouiert wurde damit auch der Gesamtvorstand, der für eine Bestätigung ihrer bisherigen Kollegen eingetreten war.

Der Jahrestagung war eine eigentliche Kampagne gegen von Plato und Mackay vorangegangen. Ihnen wurde nicht nur wirtschaftliches Versagen bei der Führung der Gesellschaft vorgeworfen, die rote Zahlen schreibt und ihre Reserven weitgehend aufgebracht hat. Kritisiert wird auch ein zu modernistischer Kurs. Der Versuch der Kandidaten von Plato und Mackay, mit einem langen Zwiegespräch in der Hauspublikation «Das Goetheanum» für sich zu werben, werteten die Kritiker als weitere Bestätigung dafür, dass sie als Aushängeschilder der Anthroposophischen Gesellschaft abgewirtschaftet hätten.

Opposition am Goetheanum

Die Unzufriedenheit mit dem Führungsduo scheint jedoch nur eine Minderheit der weltweit verstreuten rund 45'000 Anthroposophen erfasst zu haben. Denn an der Konferenz der Landesgesellschaften votierten die Generalsekretäre mit einer Ausnahme für die Bestätigungswahl – dagegen war einzig die schweizerischen Sektion. Deren Exponenten sind hauptberuflich am Goetheanum beschäftigt und propagieren eher eine wortgetreue Auslegung von Steiners Schriften.

Ihre geografische Nähe zum Goetheanum nutzte nun die Schweizer Sektion zur Mobilisierung ihrer Gefolgsleute und erreichte prompt einen Abstimmungserfolg. Gewonnen hat sie damit jedoch nicht viel: Da an der Generalversammlung keine neuen Mitglieder gewählt werden können, bleibt das Führungsgremium der Gesellschaft zwar amputiert, aber personell nicht erneuert.

Zumindest ideell kann der Vorstand jedoch nun wieder auf den Geist zweier ehemaliger Mitglieder zurückgreifen: Ita Wegman und Elisabeth Vrede, die 1935 aus der Bewegung ausgeschlossen worden waren, wurden mit grosser Mehrheit vollumfänglich rehabilitiert und wieder in den Kreis der grossen Anthroposophen aufgenommen.