Ein Interview mit Kantonsingenieur Drangu Sehu in der Hauszeitung der Wirtschaftskammer Baselland sorgt für Stirnrunzeln: Der Leiter des Tiefbauamts fordert im «Standpunkt der Wirtschaft» neue Strassen im Landkanton. In den letzten zwei Jahrzehnten habe das Baselbiet eine markante Bevölkerungszunahme und ein erfreuliches Wirtschaftswachstum verzeichnet. «Aber bei den Strassen blieb alles mehr oder weniger unverändert.»

Den grössten Handlungsbedarf sieht Drangu Sehu im Bezirk Arlesheim. Gemeinsam mit dem Basel-Stadt und dem Bund müsse angeschaut werden, inwiefern ein Autobahnring vorangetrieben werden könnte, sagt Sehu.

Mit Pegoraro abgesprochen?

Grünen-Präsident Bálint Csontos ärgert sich – und zwar vor allem darüber, dass das Interview in der Hauszeitung der Wirtschaftskammer überhaupt stattgefunden hat: «Das ist aus meiner Sicht eine Grenzüberschreitung», sagt Csontos. Es sei höchst problematisch, dass sich ein leitender Verwaltungsangestellter derart pointiert in einem Verbandsblatt äussert.

Mit seinen Aussagen für mehr Strassen gebe der Leiter des kantonalen Tiefbauamts dem verkehrspolitischen Programm der Wirtschaftskammer quasi einen offiziellen Anstrich. Csontos gibt zu bedenken, dass der «Standpunkt der Wirtschaft» keine Forumszeitung sei, sondern klar ein parteiliches Verbandsorgan.

Mindestens eine der beiden Seiten habe sich dabei von der anderen einspannen lassen, findet Csontos. «Ist dieser Auftritt mit Direktionsvorsteherin Sabine Pegoraro (FDP) abgesprochen», fragen die Grünen in einer Interpellation, die sie kommende Woche im Landrat einreichen werden.

Problematisch sei zudem, dass ein einziger Kantonsangestellter Ideen aus seinem Tätigkeitsbereich äussere, losgelöst von einer Gesamtstrategie in der Verkehrs- und Raumplanungspolitik des Kantons.

Rezepte aus der Vergangenheit

Doch auch inhaltlich stossen die Aussagen Sehus bei den Grünen auf Kritik: «Der Kantonsingenieur stellt sich die Zukunft vor wie die Vergangenheit», sagt Csontos. Als Reaktion auf verstopfte Strassen einfach mehr Strassen zu bauen sei im 21. Jahrhundert kein Rezept, weder im Baselbiet noch irgendwo sonst, findet Csontos. Aufschlussreich sei, dass Sehu ausgerechnet jetzt, wo der Kanton Baselland finanziell wieder etwas besser da steht, Geld für neue Strassen fordert.

Sabine Pegoraros Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) stand wegen des Abgangs des langjährigen BUD-Generalsekretärs Michael Köhn (50) zur Wirtschaftskammer zuletzt unter erhöhter Beobachtung. Hinter vorgehaltener Hand wurde moniert, dass mit dem Wechsel Köhns zur Wirtschaftskammer per Januar 2018 der Einfluss des KMU-Verbands auf die BUD noch grösser sei als bereits zuvor. Mit dem Auftritt von BUD-Mitarbeiter Drangu Sehu im «Standpunkt der Wirtschaft» kann dieser Verdacht zumindest nicht zerstreut werden.