Hector Herzig faltet seine Hände. Fast so, als würde er beten. Um ihn herum, im Sitzungszimmer der Langenbrucker Gemeindeverwaltung, hängen Bilder, die von alten Zeiten zeugen. Zeiten, als Langenbruck noch ein Luftkurort für gut betuchte Basler war. Zeiten, die definitiv vorbei sind. «20 Jahre ist hier nicht viel gelaufen, das Passdorf war ein wenig im Dornröschenschlaf», sagt Herzig.

Doch das ändere sich. «Ich glaube, dass der Anteil der Leute, die sich langsam mental ein bisschen aus diesem Dornröschenschlaf verabschieden, spürbar ist.» Hector Herzig würde gerne schneller vorwärtsmachen. Denn er hat eine Vision für Langenbruck. Doch die Realität holt ihn immer wieder ein. Kleine Schritte seien es, aber es seien Schritte in die richtige Richtung.

Herzig, 62, Gemeindepräsident, Baselbieter GLP-Präsident und Kulturmanager, besitzt drei Restaurants in Basel. Unter anderem die Grenzwert-Bar im Kleinbasel. Was die Bar ist, ist Langenbruck nicht: szenig, modern und gut besucht. Der Spagat könnte nicht grösser sein. Und Herzig passt auch mehr ins «Grenzwert» als ins ländliche Langenbruck. Doch er will das Dorf verändern, es moderner machen. Klappt es, passt Herzig dann irgendwann doch noch ins Passdorf. Wie er das schaffen will? Vielleicht, wie so vieles bei ihm: Über die Kultur.

Wahrlich ein Schritt zurück

Kultur war auch der Grund, warum er bei der GLP landete. Ein Knatsch mit seiner damaligen Partei, der FDP, über die Haltung zum Theater Basel war vorausgegangen. 2010 wechselte er darum aus dem Parteivorstand der FDP in die GLP. Die Partei war gerade en vogue. «Ich kann bei der GLP an einem Aufbau mitarbeiten und das reizt mich sehr», kommentierte Herzig seinen Wechsel damals. Der Wunsch nach Veränderung zieht sich bei Herzig durch: Er will verändern, aufbauen, hat hoffnungsvolle Ideen. 2011 übernahm er das Parteipräsidium. Die GLP war auf dem Gipfel.

Herzig mischte sich in den Regierungsratswahlkampf ein, war präsent in den Medien. Nun, Herzig ist noch immer Präsident der Partei. Doch um ihn und seine Partei ist es ruhig geworden. Den Einzug in den Landrat hat Herzig nie geschafft. 2015 scheiterte er deutlich. Wurde sogar von einer Parteikollegin im eigenen Wahlkreis, wo er auch noch Gemeindepräsident ist, überflügelt. Auch im eigenen Dorf wählte man lieber SVP und SP statt Herzigs Partei. Als Schritt zurück hat er seinen Wechsel von der FDP zur GLP beschrieben. Er hatte recht.

In Herzigs Kopf schwirrt eine fixe Idee herum, wie er sich das Dorf wünscht. Doch verraten will er sie nicht. «Ich gebe es zu, es ist eine grosse Vision, aber ich habe einen gewissen Respekt, diese detailliert zu präsentieren», sagt Herzig. Ängste könnten aufkommen, oder seine Idee würde im Dorf etwas auslösen, was ihn noch mehr bremsen würde. «Die Distanz zu dem, was heute ist, ist zu gross.» Und er fügt an: «Ich will nicht Don Quijote sein.» Den Kampf gegen die Verödung von Langenbruck aber, den hat er schon begonnen.

Todesurteil: fehlende Gerüchte

Um Schritt für Schritt vorwärtszukommen, provoziert er bewusst. So als er etwa in der Öffentlichkeit kritisiert hat, dass mehrere Beizen während einer der raren Skitage im letzten Winter geschlossen hatten. Oder als er in der Dorfzeitung ein neues Denken forderte. Oder als er einen Tourismusdirektor für Langenbruck ins Spiel brachte. Oder als er Langenbruck mit dem Label «Top of Baselland» versah. Einigen Langenbruckerinnen und Langenbruckern stiess dies sauer auf. Ein Einwohner, der namentlich nicht genannt werden will, sagt: «Er ist wohl kein schlechter Gemeindepräsident.»

Doch zuerst müsse man mal was machen, bevor man Langenbruck als Top of Baselland bezeichne. Diese Provokation von Herzig wirkt also. «Manchmal muss man auch ein wenig provozieren, damit etwas in Gang kommt», sagt Herzig. Auch auf die Gefahr hin, dass etwas in Gang kommt, das für ihn in die falsche Richtung läuft? «Kann sein. Aber nichts machen, einfach akzeptieren und still sein, ist nicht meine Art. Ausserdem muss ich manchmal auch zeigen, dass ich gewisse Dinge nicht so lustig finde.»

Dass Herzig nicht nur Freunde hat, ist ihm bewusst: «Ich finde es wichtig, dass Diskussionen stattfinden und sich die Leute halt auch an meiner Person reiben können. Sich über mich aufregen können.» Denn wenn keine Gerüchte mehr da seien, wenn am Stammtisch keine Diskussionen mehr stattfinden würden, dann sei das Dorf tot.

Einer, der das Dorf ebenso voranbringen will, ist Alexander Zwahlen. Er ist im Oldtimerclub Altes Blech Langenbruck aktiv. Der Verein werde verschiedentlich von der Gemeinde unterstützt. Eine Brücke bauen zwischen professioneller und Laienkultur, das ist ein Ziel von Herzig. Der Kulturbeflissene versucht auch hier den Spagat. Die Dorfvereine liegen ihm dabei besonders am Herzen. Doch gibts dabei schon einen Aufschwung im Dorf? Davon sei noch wenig spürbar, sagt Zwahlen.

Hector Herzig brachte den Konzertfrühling ins Passdorf, anspruchsvolle Konzerte mit Wirkung weit über den Oberen Hauenstein hinaus. «Kultur ist gut und recht, aber es gibt Wichtigeres. Zum Beispiel werden wir in Zukunft mit unseren Schulden zu kämpfen haben», sagt der kritische Langenbrucker, der lieber anonym bleiben will. Schliesslich wolle er keinen Krieg anzetteln.

Herzig sieht das nicht so eng. Er bestätigt zwar, dass Langenbruck eine der höchsten Schuldenlasten im Waldenburgertal habe. «Wir haben sehr viel investiert, doch weil Finanzanlagen in gleicher Höhe vorhanden sind, gibts kein Problem», so Herzig.

Überall zuvorderst

Bei Kulturbruck ist er Präsident. Und nicht nur dort ist er zuvorderst aktiv. Präsident von Tourismus Langenbruck, Präsident der Gemeinde, Verwaltungsrat der Skilift AG: Es sei ihm bewusst, dass er stark, ja zu stark präsent sei: «Ich muss von den Jobs, bei denen ich am Kohleschaufeln bin, wegkommen.» Zurück ins zweite Glied. Es gehe am Ende um die Sache, nicht um ihn. Aber im Moment brauche es seine Kraft.

Das würde Peter Hammer von der Skilift AG wohl unterschreiben. Er ist froh um den Herzigs Einsatz für Langenbruck. «Es ist wichtig, dass sich jemand dafür einsetzt, dass Langenbruck nicht zum Schlafdorf wird», sagt Hammer. Ganz so einfach dürfte es aber für Hector Herzig nicht werden, ins zweite Glied zurückzutreten.

«Es ist schwierig, Leute zu finden, die übernehmen würden.» Vor allem nicht in seinem Sinn übernehmen, muss angefügt werden. Sagt er doch: «Natürlich habe ich den frommen Wunsch, etwas zu schaffen, das über die eigene Lebensdauer hinaus hält. Ja, eigentlich sollte dies der Wunsch von jedem Menschen sein.» Dorfpolitik auf eine philosophische Ebene heben: Auch das ist Herzig.

Hector Herzig trägt an diesem Morgen Hemd, Jackett, weisse Turnschuhe. Der 62-Jährige spricht viel, aber bewusst und ist kaum aus der Ruhe zu bringen. «Charisma ist nichts anderes als eine Persönlichkeit, die in sich steht, authentisch ist», sagt er. Und macht es in seinem Wirken vor. Nur als die Baselbieter Regierung Thema wird, erhebt Herzig seine Stimme. Seine kritische Haltung gegen die Regierung ist bekannt. Eine Zeit lang war sie wohl sogar gefürchtet.

Eine Vision, wie er sie für Langenbruck vorsieht, die vermisst er im Kanton. «Wo will der Kanton hin? Dieses Gespräch möchte ich einmal mit unserer Regierung führen», sagt Herzig. Er selbst hat eine solche Vision. Und es wäre nicht Herzig, wenn er die Plattform, die sich ihm bietet, nicht für eine gezielte Provokation nützen würde.

«Hat das Baselbiet als Halbkanton überhaupt eine Chance? Und wenn wir soweit denken: Vielleicht wäre es ja eine Idee, die Agglo-Gemeinden, welche nichts mit dem Oberbaselbiet zu tun haben wollen, Basel-Stadt abzugeben.» Dies würde unter Umständen besser funktionieren als mit den dauernden Kämpfen untereinander, meint Herzig. Die Aussage zeugt von seiner Meinung nach fehlender Solidarität im Kanton. Mehr als eine provokative Vision ist dies nicht. Wie vieles, was Herzig anpackt.