Von einer Jahrhundertchance im Rahmen eines Jahrhundertprojekts redet Ruedi Riesen, der umtriebige Präsident des Baselbieter Heimatschutzes. Er meint damit die Ortsplanung, die die Gemeinden im Waldenburgertal jetzt überdenken und überarbeiten sollten, da die neue Waldenburgerbahn (WB) mit erweiterter Meterspur geplant und im Jahr 2022 gebaut wird. Riesen und seine Vorstandskollegen luden deshalb im Januar Vertreter der Tal-Gemeinden zu einer Besprechung ein. Aber der Elan verpuffte, obwohl der Heimatschutz den Gemeinden einen detaillierten Vorgehensplan mit Studienauftrag zur Entwicklung der Dorfkerne inklusive Kostenschätzung – 120 000 Franken pro Dorf – vorlegte.

Der Heimatschutz hat inzwischen einen Gang höher geschaltet, und Vorstandsmitglied Florence Brenzikofer (Grüne) reichte im Landrat eine Interpellation ein. Riesen: «Wir müssen jetzt Druck auf den Kanton und die Gemeinden ausüben. Das Jahrhundertwerk kann nicht durchlaufen, als wäre nichts.» Seine Organisation geniesse dabei Rückendeckung vom Schweizer Heimatschutz.

Die Zeit läuft davon

Den grössten Handlungsbedarf sieht Riesen in Oberdorf und Hölstein; Niederdorf habe bereits eine Studie machen lassen und in Waldenburg sei mit dem neuen Bahnhof die Zukunftsentwicklung auf gutem Weg. Wobei Riesen in Hölstein positive Ansätze sieht. Trotzdem fordert er von dessen, vor allem aber von den Oberdörfer Behörden: «Sie müssen sich auf eine andere Flughöhe begeben und wie ein Milan über das Dorf kreisen.» Dabei müssten sie sich Fragen nach dem Zentrum, den Räumen für Gemeinschaftsaktivitäten, den Fuss- und Busanbindungen und den Verbindungen zu Neuem wie der geplanten Überbauung des Fraisa-Areals in Oberdorf respektive des Husmatt-Areals in Hölstein stellen und wie man das Ganze mit der Baselland Transport AG (BLT) koordinieren könne.

Riesens Vorstandskollegen Christoph Ecker und Jakob Steinmann ergänzen, dass vor allem in Oberdorf auch die Steigerung der Wohnqualität entlang von Hauptstrasse und WB, die die Dörfer im Tal durchschneiden, thematisiert werden müsse. Früher hätten die Leute nach hinten in die Hofstätten gelebt, heute seien diese zu einem Teil überbaut und viele Häuser in einem schlechten Zustand. Riesen sieht auch den Kanton in der Pflicht, die Gemeinden bei ihrer Zukunftsplanung – auch finanziell – zu unterstützen. Und er warnt: «Die Zeit verrinnt. Wenn von den Gemeinden bis Mitte Jahr nichts Konkretes vorliegt, müssen wir die Jahrhundertchance abschreiben.»

«Alles ist zerstückelt»

Piero Grumelli, Gemeindepräsident von Oberdorf, gibt dem Heimatschutz ein Stück weit recht: «Wir haben tatsächlich kein eigentliches Zentrum, alles ist zerstückelt.» Dann kommt aber das grosse Aber: «Uns fehlt das Geld und die Zeit, im grösseren Rahmen zu planen. Wir würden damit auch riskieren, das Neubau-Projekt der WB zu blockieren.» Grumelli sieht weitere Hürden. Möchte die Gemeinde den Dorfkern umgestalten, müsste sie Liegenschaften erwerben und abreissen. Doch das könne man wegen der vielen schützenswerten Bauten nicht. Und Grumelli zeigt in Richtung Kanton: «Der Dorfkern zerfällt. Aber das ist nicht nur unser Problem, weil die Auflagen des Kantons hoch sind. Die Denkmalpflege blockiert vieles in unserem Zentrum.»

Der stellvertretende kantonale Denkmalpfleger Walter Niederberger reagiert überrascht. In Oberdorf habe es in den letzten Jahren keine Konfliktfälle gegeben. Die drei Baugesuche im letzten Jahr und die sechs im vorletzten seien alle problemlos durchgegangen, eines davon mit einer Ausnahmebewilligung. Offen sei noch ein Gesuch, bei dem man aber jüngst eine gute Lösung gefunden habe. In Oberdorf gibt es drei kantonal geschützte Objekte, die Kirche St. Peter, das alte Schulhaus und einen Kachelofen, dazu einige kommunal geschützte Bauten.

Kanton nimmt sich aus Rennen

Oberdorf setzt nun auf eine Begleitkommission, die Fragen rund um den WB-Neubau prüft und laut Grumelli auch einen Seitenblick auf das Thema Ortskern wirft. Ähnlich agiert Hölstein. Dort wird laut Gemeindepräsident Gabriel Antonutti derzeit das Fusswegnetz überprüft, weil zwei Haltestellen beim WB-Neubau zusammengelegt werden. Zudem mache ein Planer Vorschläge zur Neugestaltung des Rössliplatzes und eine Arbeitsgruppe zur Umnutzung des Husmatt-Areals, was aber nichts mit dem WB-Neubau zu tun hat. Antonutti: «Sonst sehen wir im Moment keinen Handlungsbedarf. Uns sind aber wegen der knappen Finanzen auch die Hände gebunden.» Der Gemeinderat warte nun die nächste Besprechung mit der BLT von Mitte Jahr ab. Dann werde das konkrete WB-Projekt vorgestellt.

Unterstützung erhält der Heimatschutz indes von unerwarteter Seite. Kantonsplaner Martin Kolb sagt: «Der Neubau der WB ist für die Gemeinden auf jeden Fall eine Chance, ihre Ortsplanungen zu überdenken. Solch einen Eingriff in die Infrastruktur gibt es nur einmal in hundert Jahren.» Kolb hält auch den Vorgehensvorschlag des Heimatschutzes mit einem Studienauftrag für sinnvoll. Den Kanton sieht er aber nicht in der Pflicht, schon gar nicht in einer finanziellen. «Den Lead hat beim WB-Neubau die BLT und die Gemeinden können etwas machen, wenn sie das wollen», hält Kolb fest.