Vermutlich war das Ding für seinen Benutzer gefährlicher als für die Gegner. Bei unsachgemässem Umgang mit dem Schwarzpulver sprengte sich der Schütze selber in die Luft. Oder aber er brach sich seinen Unterarm wegen des mächtigen Rückstosses, sofern er das Feuerrohr nicht an einem Holzschaft befestigte. Der Metallgegenstand ist bloss 14 Zentimeter lang, und doch nennt ihn der Baselbieter Kantonsarchäologe Reto Marti einen «eigentlichen Sensationsfund».

Rekonstruiert: Aquamanile von der Burg Scheidegg.

Rekonstruiert: Aquamanile von der Burg Scheidegg.

Der spätmittelalterliche Vorläufer der Faustfeuerwaffe wurde kürzlich im Umfeld der Ruine Pfeffingen gefunden. Ein höchst erfreuliches archäologisches Nebenprodukt der dortigen Notsanierung. Bei den parallel stattfindenden Grabungen im Umfeld der Burg wurde nicht nur eine Gussform für die entsprechende Bleikugelmunition gefunden. Der ehrenamtliche Mitarbeiter Bruno Jagher stiess auch auf annähernd 100 Geschossspitzen verschiedener Art und Alters, die Zeugnis ablegen von den zahlreichen Kämpfen und Belagerungen, denen die Burg im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt war.

Zunehmender Spardruck

Die jüngste Schlacht um Pfeffingen findet allerdings auf finanzpolitischer Ebene statt. Die gute Nachricht ist, dass dank eines «Vorschusses» die Sanierung beschleunigt fertiggestellt werden kann und Ende 2017 abgeschlossen sein sollte. Die Schlechte, dass anschliessend das Budget für die fällige Sanierung der Ruine Farnsburg und der römischen Villa Munzach in Liestal auf unbestimmte Zeit sistiert werden muss.

Gefunden: Handrohr, Kugel-Giessform und Krähenfuss.

Gefunden: Handrohr, Kugel-Giessform und Krähenfuss.

Trotz des zunehmenden Spardrucks können Reto Marti und sein Stellvertreter Andreas Fischer auf ein überaus reichhaltiges Berichtsjahr 2015 zurückblicken (siehe Interview unten). Die Spanne der Entdeckungen ihres Teams reicht vom mehr als 13'000 Jahre alten Rastplatz der letzten eiszeitlichen Jäger und Sammler bei Grellingen bis hin zu Panzersperren aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bei der Oberen Hard in Muttenz. Dass die Baselbieter Archäologinnen und Archäologen bei der Nachuntersuchung der kürzlich entdeckten Burg Mörlifluh ob Liedertswil kaum Neues fanden, stellte eher die Ausnahme dar.

Im Gegensatz dazu fanden sich bei zwei Sondiergrabungen am Colmarerweg in Reinach nicht nur römerzeitliche Fundamente und damit Hinweise auf den in diesem Gebiet schon lange vermuteten römischen Gutshof. Wie Fischer berichtet, deuten rund 75'000 Tonscherben auf eine Kultstätte aus der späten Keltenzeit um 100 vor Christus hin. Offenbar wurden hier von den Kelten den Göttern geweihte Tongefässe zerschlagen und vergraben, damit sie nicht mehr von Menschen im täglichen Gebrauch entweiht werden konnten.

Reichhaltiger Jahresbericht

200 Seiten umfasst der gedruckte und reich illustrierte Jahresbericht der Archäologie Baselland, den Reto Marti gestern im Ortsmuseum Muttenz den Medien vorstellte (siehe Box), und der voll von solchen Geschichten ist. Aus jeder Zeile lässt sich herauslesen, mit welcher Leidenschaft sich die Archäologen, das fünfköpfige Grabungsteam und ehrenamtliche Späher wie Bruno Jagher tagtäglich um die Geschichte dieser Region bemühen.

Das umfasst bei weitem nicht nur die Suche nach neuen Funden, sondern neben vielen anderen Tätigkeiten auch die virtuelle Rekonstruktion von bereits längst aus dem Boden geholten Gegenständen. So zauberte dank modernster Computertechnik die Restauratorin Sabine Bugmann ein spektakuläres 3D-Modell eines bei einer Feuersbrunst auf der Burg Scheidegg geschmolzenen Wassergefässes, eines sogenannten «Aquamaniles» aus Bronze.