Fährt am Wochenende ein Schiff in eine der Schleusen beim Kraftwerk Birsfelden, bleiben Spaziergänger, Velofahrerinnen und Inlineskater stehen. Sie schauen sich das gemächliche Spektakel ganz genau an. Schleusenwärter Hans Waibel fällt das auch auf, dass die Zuschauer fasziniert sind von der Schleuse. «Sonst ist niemand auf der Brücke. Aber kaum kommt ein Schiff, bleiben die Leute hängen.»

Reine Physik steckt hinter dem Vorgang: Wasser hebt Tausende Tonnen schwer beladene Schiffe innerhalb von etwa 20 Minuten je nach Wasserführung um sechs bis neun Meter vom unteren auf das obere Rhein-Niveau an. Oder umgekehrt, senkt es ab.

Das Funkgerät knistert. Es ist 9.26 Uhr morgens, der Lotse meldet das Frachtschiff «Meruada» an. Hans Waibel hat das Schiff, schon seit es aus der Schleuse bei Kembs gefahren ist, auf dem Bildschirm der weltweiten Radarüberwachung des Schiffsverkehrs. Der Radar, die Pegeldaten des Rheins und die Software, welche die Schleusenanlage steuert, sind seine wichtigsten Instrumente. Und natürlich die Überwachungskameras. Davon sind seit einigen Monaten mehr installiert als sonst.

Weil der Schleusenturm saniert wird, sitzt der Wärter in einem kleinen Büro beinahe auf Flussniveau. Dort fehlt ihm die Übersicht über die Anlage. Diese verschaffen ihm nun Kameras, deren Linsen die Ein- und Ausfahrt zu den Schleusen, aber auch den Vorhafen und den Rhein bei der Schwarzwaldbrücke, im Blick haben.

«Schön, alleine hier zu sein»

Eine ungewohnte Situation ist der Baustellenbetrieb für Hans Waibel auch aus einem anderen Grund: die vielen zusätzlichen Leute. «Ich finde es eigentlich noch schön, alleine hier zu sein.» Seit 13 Jahren ist er Schleusenwärter. Noch viel länger, bald 35 Jahre, arbeitet der gelernte Mechaniker für das Kraftwerk Birsfelden. Zwei Mal sieben Tage arbeitet er pro Monat auf der Schleuse, eine Woche ist er im Kraftwerk als Mechaniker. «Ende Januar ist Schluss.» Dann geht er in Pension. Mit dem Wasser wird er dann wohl nicht mehr viel zu tun haben. Zwar kann er Boot fahren, aber das Hobby ist ihm zu teuer. Und: «Es gibt viel zu tun zu Hause in Sissach.»

Als Schleusenwärter begonnen hat Waibel, als im Kraftwerk der Schichtbetrieb aufgegeben wurde. «Ich arbeite gerne Schicht.» Besonders die Frühschicht mag er. Seit morgens um 5 Uhr steht er im Kontrollbüro, um 13 Uhr ist Schluss. Die Spätschicht dauert bis 21 Uhr. «Dann gibt es auch mal Überstunden.» Aber eigentlich sind ihm diese persönlichen Fragen unangenehm. Lieber spricht er über die Schleuse und über die Schiffe.

Nur 22 Zentimeter bleiben

Um 9.41 Uhr hat sich die «Meruada» den Rhein hochgekämpft. Noch 90 Zentimeter fehlen, dann wird bei einem Rheinpegel von 790 Zentimetern die Schifffahrt unterbrochen. «Das wird aber nicht passieren, der Pegel geht bald wieder zurück», sagt Waibel. Langsam fährt das Schiff in die Schleuse Nord ein. Die Einfahrt ist Massarbeit. Links und rechts bleiben nur je 22 Zentimeter Platz zwischen Schiffswand und Betonkammer.

Die Abgase des Schiffsmotors sticht in die Nase. Auf der Brücke schaukelt neben dem Kapitän ein kleines Kind im Rhythmus der Schiffsbewegungen. Ein Matrose sichert das Schiff. Kaum ist er fertig, stellt Waibel die Signale auf Rot. Ein Klick mit der Maus aufs Schaltfeld «Bergfahrt», dann schliesst sich das Tor und der Schleusenvorgang beginnt vollautomatisch. Während sich die Kammer füllt, notiert Waibel seine Arbeit. Jedes Schiff wird in einer Art Fahrtenbuch handschriftlich und auf dem Computer elektronisch dokumentiert. Und jedes Schiff hat eine Akte: Auf einer Karteikarte sind seine Kennzahlen – Grösse, Länge und die Anzahl Motoren – und die Daten notiert, wann es in welche Richtung geschleust wurde. Langsam steigt die «Meruada» höher.

«Brenzlige Situationen gibt es eigentlich nicht», sagt Waibel. Nur manchmal Diskussionen über die Reihenfolge, welches Schiff zuerst da war und darum zuerst geschleust wird. Dann wird es auch eher hektisch für ihn, wenn fünf oder sechs Schiffe gleichzeitig durchwollen. Aber: «Man kann nicht schneller machen, als es halt dauert.» Manchmal ist seine Arbeit dann auch ein wenig wie das Game-Boy-Spiel Tetris: Je nach Länge passt mehr als ein Schiff in die Schleusenkammer. Zur «Meruada» zum Beispiel würde in der Kammer Süd auch noch der Kiesueli passen – wenn er nicht schon frühmorgens Richtung Auhafen gefahren wäre.

Um 10.05 Uhr öffnet sich das Schleusentor, das Signal schaltet auf Grün. Die «Meruada» fährt heute als 14. Schiff aus der Schleuse bei Birsfelden. Wann es wieder Arbeit geben wird für den Schleusenwärter, das kann er nicht sagen. «Das ist ganz verschieden.» Auf dem Bildschirm ist nichts zu sehen, angemeldet ist auch keines. Und wenn dann das nächste Schiff kommt, dann dauert das Schleusen eben wieder so lange, wie es halt dauert.