«Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen«, heisst es in einem alten Kirchenlied. Dieser Gedanke kommt einem schlagartig beim Besuch der Ausstellung «Noch mal leben» in der Basler Don-Bosco-Kirche. Die Ausstellung ist das Resultat eines einjährigen Projekts der «Spiegel»-Wissenschaftsjournalistin Beate Lakotta und ihrem Ehemann, dem Fotografen Walter Schels, der für seine Charakterstudien bekannt ist.

Ein Jahr lang haben die beiden todkranke Menschen in Hospizen besucht, sie begleitet und mit ihnen gesprochen. Entstanden sind – mit Einwilligung der Porträtierten – kurze Texte und je zwei Bilder, eines, das kurz vor deren Tod und eines, das unmittelbar danach aufgenommen wurde. Die Ausstellung ist schon um die halbe Welt gereist und mehrfach preisgekrönt. Das zur Ausstellung erschienene Buch ist zudem in zahlreiche Sprachen übersetzt worden.

Fernab von Familie und Alltag

Kaum etwas bewegt uns so stark wie die Begegnung mit dem Tod. Doch kaum etwas geschieht heute so sehr im Verborgenen wie das Sterben. Tod und Sterben ereignen sich meist fernab von Familie und Alltag, liest man im Einführungstext zur Ausstellung. Haben wir deshalb mehr Angst als in früheren Zeiten? «Vor hundert Jahren hätten Sie mit der Ausstellung niemanden hinter dem Ofen hervorgelockt. Noch 1928 wurden in München ganz selbstverständlich Tote zum Fotografen gefahren. Quer durch die Stadt», wie Lakotta einmal erklärte.

Vielleicht ist diese Tabuisierung Grund für das – mögliche – Erschüttert-Sein beim Besuch der Ausstellung. Ganz bestimmt aber ist ein Grund, dass fast alle hier Porträtierten zu früh aus dem Leben gerissen wurden. Das Getrenntwerden von Geliebten ist spürbar. Und kaum auszuhalten beim Anblick des 6-jährigen Jungen, der an einem seltenen Hirntumor gestorben ist, und seiner Mutter, die, an Brustkrebs erkrankt, ihren Sohn gerade 25 Tage überlebt hat. Zurück blieben neben Vater und Mann ein jüngerer Sohn und Bruder.

Einige der Porträtierten aber sind nicht ohne Hoffnung, manche Geschichten schenken gar Trost. Etwa die der 82 Jahr alt gewordenen Irmgard Schmidt. «Der Ozean war mein Element», sagte sie. Ihr verstorbener Mann war Funker. Jahrelang begleitete sie ihn auf See, auf dem ersten deutschen Bananenschiff nach dem Krieg. «Ach, und der Whisky mit Eis, auch am Tage schmeckte der ganz wunderbar, rund um den Äquator beim Kartenspielen mit den Kapitänsfrauen.» Das sei lange vorbei, aber sie wollte die Zeit, die ihr noch blieb, nicht mit Jammern verplempern.

«Das ganze Leben ist ja eine Reise. Mal sehen, was die letzte Etappe bringe. Ich bin der festen Überzeugung, die geistige Welt geht weiter.» Dazu fiel ihr ein Vers ein: «Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen, die Ewigkeit regt sich in allem.» Und in der Ewigkeit, so hofft sie, wird es ein Wiedersehen geben mit all ihren Lieben.

Michael Lauermann (65) war Manager, ein Workaholic. Plötzlich kippte er um, im Krankenhaus hiess es: Hirntumor, unheilbar. Das war nur einige Wochen vor seinem Tod. Lauermann wollte nicht über den Tod reden, lieber über sein Leben. Wie er es 1968 schaffte, aus der schwäbischen Enge nach Paris zu kommen. Studium an der Sorbonne, Baudelaire, Strassenschlachten, Revolution, Frauen.

«Ich habe wahnsinnig gern gelebt», sagte er. «Jetzt ist es vorbei. Ich habe keine Angst vor dem, was kommt.» Er spüre kein Bedauern. Das Stadium, in dem er sich am Ende befand, kam ihm sogar schön vor. Locker und frei, eine Art Schwerelosigkeit. Sein Körper verschwinde. Er hat keine Schmerzen. «Ich werde schnell sterben», sagte Lauermann. Drei Tage später zeigte eine brennende Kerze vor dem Zimmer seinen Tod an.

Die Ausstellung dauert noch bis 26. April in der Kirche Don Bosco, Waldenburgerstrasse 32, Basel.