Sabine Pegoraro kann das Argument, der Baselbieter Autofahrer hätte keinen Vorteil von der Erhöhung des Vignettenpreises, nicht nachvollziehen. «Gebührenerhöhungen sind nie sexy. Aber das Baselbiet kann nun für ein Mal profitieren von einer eidgenössischen Abstimmung», sagte die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektorin bei der gestrigen Rundfahrt, mit der Kanton und Handelskammer ihre Pro-Argumente untermauern wollten. Der Autofahrer werde den Vorteil «allein daran bemerken, dass die Strassen in einem besseren Zustand und gut ausgebaut sind».

«Reale Chance, dass gebaut wird»

Die Rundfahrt führte zu drei Strassenabschnitten im Kanton, die nicht so schnell saniert und ausgebaut würden, wenn die Vignettenpreiserhöhung nicht käme. Das behauptet zumindest Kantonsingenieur Oliver Jacobi. Alle drei neuralgischen Punkte liegen auf den Hochleistungsstrassen H 2 und H 18, kämen also am 1. Januar 2015 in die Verantwortlichkeit des Bundes, der dann nicht nur den Unterhalt der Strassen sondern auch deren Ausbau finanzieren müsste. «Der Bund hat versprochen, dass er die H-Strassen ausbauen wird», sagt Pegoraro. So sei die dringend notwendige Sanierung der H 2 durch den Ortskern von Liestal (insbesondere die 40 Jahre alte Ergolzbrücke) bereits ins Detail mit dem Amt für Strassen (Astra) abgesprochen; der Bund könnte also nach der Übernahme sofort mit dem Bauen anfangen.

Alleine die Lärmsanierung der Strecke, zu der der Kanton bis 2018 gesetzlich verpflichtet wäre, kostet laut Jacobi rund 100 Millionen Franken: «Geld, das bei einem Ja zur Vignette jedoch der Bund zahlen muss.» Der Kanton indessen könnte mit dem eingesparten Geld den Zentrumsanschluss in Liestal finanzieren und die Rosenstrasse velo- und verkehrsfreundlicher gestalten. «Dem Amt für Strassen steht jährlich ein Budget von 1,5 Milliarden Franken zur Verfügung», betont Pegoraro beim nächsten Tourhalt: Der Kanton hingegen müsste die geschätzten 50 Millionen Franken für den Vollanschluss Aesch «zusammenkratzen». Auch hier blieben bei einer Übernahme durch den Bund laut Jacobi Kantonsgelder übrig, um die stau- und unfallträchtigen Kreuzung Angenstein mit einem Kreisel zu entflechten: geschätzte Kosten 12 Millionen Franken, Baubeginn 2017.

Besonders deutlich werden die Dimensionen beim 950-Millionen-Projekt der Ortsumfahrung Laufen-Zwingen: «Das Tiefbauamt müsste dafür laut Jacobi acht Jahre lang sein gesamtes Budget aufwenden; für das Astra entspreche die Summe hingegen lediglich 80 Prozent des Jahresbudgets. «Wir haben also eine reale Chance, dass gebaut wird», fügt Pegoraro hinzu: «Das ist der Grund, warum sich der Kanton so engagiert bei einer eidgenössischen Abstimmung.»

TCS: «Tropfen auf den heissen Stein»

Die Argumente kann Christophe Haller, als TCS-Sektionspräsident Vertreter des Nein-Komitees, durchaus verstehen: «Ich vergleiche das jedoch mit Faust, der für kurzfristigen Nutzen seine Seele an Mephisto verkauft.» Die 300 Millionen Franken jährliche Mehreinnahmen durch die Vignette seien bei den milliardenschweren Bauprojekten in der Schweiz nur «ein Tropfen auf den heissen Stein». Dafür würden die Autofahrer erneut zur Kasse gebeten, obwohl «sich der Strassenbau selbst finanzierte, wenn die Gelder nicht ständig zweckentfremdet würden». Dem stimmt Pegoraro zu: «Ein Nein zur Vignette bedeutet aber nicht, dass diese Quersubventionen aufhören. Bei einem Nein zur Vignette passiert nämlich gar nichts.»