Die 84-jährige Margot Wicki-Schwarzschild, die vor kurzem ihre Diamantene Hochzeit feiern konnte, ist noch immer hellwach und wirkt keineswegs wie jemand, der sich schon zur Ruhe gesetzt hat. Trotz ihrer Auszeichnungen im In- und Ausland ist sie bescheiden geblieben und erfreut sich an ihren Kindern und Enkeln. Dass sie noch lebt, ist keineswegs selbstverständlich, denn sie ist – wie man salopp sagt – dem Tod von der Schippe gesprungen.

Als die Familie Schwarzschild am 22. Oktober 1940 am frühen Morgen von der Gestapo in Kaiserslautern aus dem Schlaf gerissen wurde, war die jüngere Tochter Margot gerade einmal neun Jahre alt. Schwester Hannelore war elf. Die Familie hatte in den Jahren davor schon Schlimmes durchgemacht. Bereits 1938 kam Vater Richard, der Jude war, für kurze Zeit als «Schutzhäftling» ins Lager Dachau, von wo er als gebrochener Mann zurückkehrte. Über seine Erlebnisse durfte er nicht sprechen.

Nach der Reichspogromnacht («Reichskristallnacht») wurde für die Juden alles noch schlimmer. Die Mutter war zwar katholisch, aber die Schwarzschilds hatten nach israelitischem Ritus geheiratet. Man feierte sowohl Chanukka wie auch Weihnachten – «Weihnukka» nannte die Familie das Fest. 1940 wurde die ganze Familie in das französische Internierungslager Gurs in den Pyrenäen verschleppt. Hunger, Läuse, Wanzen, Flöhe und Ratten gehörten ebenso zum Alltag wie der allgegenwärtige Schlamm.

«Wartezimmer» von Auschwitz

1941 wurden Mutter und Töchter ins Lager Rivesaltes verlegt. Sowohl das Lager von Gurs wie das von Rivesaltes waren «Wartezimmer» von Auschwitz. Margot und Schwester Hannelore kamen im November ins Kinderheim der Schweizer Kinderhilfe nach Pringy in der Haute-Savoie und der Vater konnte in Halbfreiheit eine kleine Wohnung bei Carcassonne mieten und holte die Familie nach.

Die kurze Zeit des Familienglücks währte nicht lange: 1942 folgte eine erneute Deportation nach Rivesaltes, von wo aus die Juden in die Vernichtungslager im Osten transportiert wurden. Dank eines Kommunionsbildes von Mutter Luise konnte die Schweizer Schwester Friedel Reiter vom Schweizerischen Roten Kreuz den Selektionskommissar überreden, trotz fehlender Papiere die Frauen nicht auf den Transport zu schicken. Der Vater hatte zuvor eingewilligt gehabt, dass sich seine Töchter christlich taufen liessen. Es folgte der schwere und endgültige Abschied vom Vater, der wohl 1943 in Auschwitz in einer Gaskammer umgebracht wurde.

Gegen das Vergessen

Nach dem Krieg zog die vaterlose Familie zurück nach Kaiserslautern, weil dort eine «Wiedergutmachung» in Aussicht stand. Eigentlich wären die Töchter gerne in Frankreich geblieben, sprachen sie doch kaum mehr Deutsch. Margot Schwarzschild taten die Menschen im fast völlig zerstörten Kaiserslautern fast leid, obwohl hier auch noch Täter wohnten. Heute kommt Margot Wicki ins Grübeln und sagt: «Es geht genau so weiter in der Welt, wenn ich an den IS denke und die Kulturgüter, die zerstört werden. Genauso wurde 1938 die Synagoge von Kaiserslautern gesprengt, wo mein Vater Orgel gespielt hatte.»

Nach der Schule machte sie eine Ausbildung als Übersetzerin und Dolmetscherin und arbeitete bei den «American Headquarters». «Das Engagement bei den Pfadfindern war für mich die Möglichkeit, in Deutschland wieder Fuss zu fassen», sagt sie. Die Begegnung mit den Schwarzschilds nach dem Krieg prägte den damaligen Pfadfinder Erhard Wiehn so stark, dass er sich als Professor für Soziologie und Geschichte später auf das Thema Judaica und Überlebensschicksale fokussierte (über 290 Bände).

Einer merkwürdigen Fügung war es zu verdanken, dass die beiden Schwestern zwei Brüder heirateten. Vor ihrer Heirat mit Josef Wicki arbeitete Margot Schwarzschild in einer jüdischen Agentur in Genf. Eine Anstellung bei einer internationalen Organisation hatte sie nicht erhalten, weil sie «eine Deutsche» sei – das war ein Paradox, denn sie gehörte ja zu den Opfern der Nazis.

Referiert in Schulen

1961 zogen Wickis nach Reinach, wo Margot Wicki sich in vielfältiger Art sozial engagierte. In vielen Städten Deutschlands und auch in Reinach und Basel referierte sie in Schulen über ihre Erlebnisse im Krieg. «Ich finde das ganz wichtig, denn wir sind die letzten Zeitzeugen», sagt sie.

Die aktuelle Situation der Kriegsflüchtlinge macht ihr sichtlich zu schaffen. «Man hat fast ein gewisses Schuldgefühl, weil es einem hier so gut geht.»

Am heutigen 22. Oktober jährt sich der Tag der Deportation nach Gurs zum 75. Mal.