«‹Wären Sie bitte so freundlich›, habe ich gesagt. Ich habe ihn ganz anständig aufgefordert, ob er nicht nach vorne fahren könnte», betonte der 78-jährige Autofahrer am Mittwoch im Baselbieter Strafgericht in Muttenz.

Wie höflich der Tonfall war, blieb vor Gericht aber zweifelhaft, wie auch viele andere Punkte: Jedenfalls regte sich der rüstige Rentner im Mai 2015 darüber auf, dass ein Autofahrer an der Tankstelle beim Motorfahrzeug-Prüfstation-Kreisel in Münchenstein nicht zur ersten Zapfsäule vorzog. Der Grund dafür war allerdings simpel: Die vordere Säule war defekt.

Erst kurbelte der 78-Jährige sein Fenster runter, dann stieg er aus und ging auf den anderen Mann zu. Die Worte «Arschloch» und «Idiot» seien dann gefallen, sagte der andere Autofahrer aus. «Die Wörter sind gefallen, aber in einem anderen Kontext: Ich habe gesagt, ja Moment, ich bin doch hier nicht das Arschloch!», insistierte der 78-Jährige.

Der andere habe dann aber schwierig getan. «Er hat mit seinen Händen vor meinem Gesicht rumgefummelt. Dann habe ich ihn leicht an den Händen gestossen. Ich hatte Angst, ich bin herzkrank». Vor allem den letzten Punkt betonte der 78-Jährige am Donnerstag im Gerichtssaal immer wieder und zeigte dem Gericht seinen Defibrillator-Pass.

Der Gegner donnerte danach an eine Zapfsäule, ging zu Boden und verletzte sich leicht. «Er stolperte über seine eigenen Füsse und kam selbstständig zu Fall», diktierte der 78-Jährige später einem Polizisten ins Protokoll. «Wenn ich ihn geschubst hätte, dann wäre er wahrscheinlich anders gefallen!», ergänzte er am Donnerstag.

«Selbst Ihre damalige Freundin sagte, Sie seien aggressiv auf den Mann losgegangen und hätten ihn beschimpft», meinte der Gerichtspräsident mit Blick auf die Akten. «Die Frau hatte ein schweres Rücken- und Hüftleiden, und ich hatte ihre Behandlungen infrage gestellt. Das hat viel Zündstoff gegeben, darauf beruhen ihre Ressentiments gegen mich», erklärte der 78-Jährige daraufhin.

Die Staatsanwaltschaft hatte wie immer in solchen Fällen versucht, eine Schlichtung herbeizuführen. Geklappt hat das aber nicht. «Der hat sich aufgespielt und grossspurig angegeben, dass er vier Autos habe und auch mit einem Ferrari hätte kommen können». Der Verteidiger ergänzte später allerdings, dass die Sache wohl daran gescheitert ist, dass der 78-jährige sich beim Gegenüber nicht entschuldigen wollte.

Freispruch wegen Unklarheiten

Die Staatsanwaltschaft stellte schliesslich einen Strafbefehl wegen einfacher Körperverletzung und Beschimpfung aus. Diesen hob Einzelrichter Adrian Jent am Mittwoch auf und sprach den Mann frei: Allenfalls ging es um eine Tätlichkeit, zu vieles sei aber unklar, die Aussagen der Beteiligten widersprüchlich. «Schuldsprüche darf es nur in klaren Fällen geben», sagte Jent.
Damit gehen auch die Verfahrens- und Verteidigerkosten von über 6000 Franken zulasten des Staates. Der andere Autofahrer war an der Verhandlung nicht anwesend, als Privatkläger kann er das Urteil noch weiterziehen.