«In der Schweiz gibt es derzeit nur vier Frauen, welche die Meisterprüfung als Orthopädieschuhmacherin aufweisen. Ich habe meine vierjährige Lehre in Deutschland absolviert. Die Ausbildung wird auch in der Schweiz angeboten.

Nach meiner Lehrzeit musste ich drei Jahre Erfahrungen sammeln, erst dann war ich für die Ausbildung zur Meisterin zugelassen. Diese dauerte weitere zwei Jahre. 2005 zog ich von Pforzheim in die Schweiz. Vor knapp drei Monaten eröffnete ich ein eigenes Geschäft in Münchenstein, nachdem ich zuvor als Werkstattleiterin in Basel gearbeitet hatte.

Wenn die Füsse Probleme machen

Meine Kundschaft sind Leute, die ein Geburtsgebrechen haben: Klumpfuss, Spitzfuss. Personen mit derartigen Behinderungen können keine gewöhnlichen Schuhe tragen. Ich bediene auch Leute, die durch Unfall eine Behinderung erlitten haben, die durch Schuh oder Orthese ausgeglichen werden muss. So können diese Personen wieder besser gehen und am Arbeitsalltag teilhaben.

Zu meinen Kunden zählen auch Kinder, die Mühe haben in ihrer Entwicklung und deshalb sensomotorische Einlagen erhalten, um dies auszugleichen. Mit diesem Entwicklungsschritt können sie mit der Zeit beim Gehen zu Gleichaltrigen aufschliessen. Ich habe Kunden, die grundsätzlich Probleme mit ihren Füssen haben oder unter Krankheiten leiden, die sich negativ auf die Füsse auswirken. Auch Diabetiker benötigen eine gute Schuhversorgung, weil sie sonst Teile des Fusses verlieren könnten. Oder Sportler, die Optimierungsmöglichkeiten suchen, um effektiver zu laufen.

Ich arbeite viel mit Ärzten und Orthopäden zusammen, die mir die Patienten zuweisen. Anhand eines Rezepts und der Diagnose erkenne ich das Problem des Patienten und baue dann einen passenden Schuh. Mit diesem geht der Patient wieder zum Arzt, der den Schuh kontrolliert. Allenfalls ordnet der Arzt Korrekturen an.

Ich wollte schon immer ein Handwerk lernen, denn ich tauge für nichts anderes. Mein Vater hatte einen Elektrikerbetrieb. Und ich wollte mich seit jeher selbstständig machen. Ich bin ein Alpha-Weibchen. Ich möchte selber arbeiten, aber auch selber hinstehen. Was ich als Frau auch noch wollte, ist eine Familie. Ich bin jemand, der gerne alles will. Deshalb musste ich früh genug alles vorspuren. Nun bin ich 37-jährig und habe eine kleine Tochter.

Mein Wissen weitergeben

Ich habe genügend Arbeit. Diese wird in den kommenden Jahren zunehmen. Es gibt mehr Systemerkrankungen, die Babyboomer-Generation ist über 50, mehr Leute bekommen Probleme mit ihren Füssen. Und die Ansprüche an Schuhe werden immer höher. Solche Leute können sich das finanziell leisten.

Mein Lebens- und Geschäftspartner erledigt das Administrative, was sehr praktisch ist, denn das finde ich eher mühsam. Wir sind auf Wachstum aus. Vorerst möchten wir uns etablieren und später zwei, drei Mitarbeiter einstellen. Auch will ich mein Wissen weitergeben und Lehrlinge ausbilden. Das ist wichtig für unsere Branche, weil grössere Aufgaben auf uns zukommen werden. Schuhmacher beispielsweise, die Reparaturen machen, sind am Verschwinden.

Was ich am liebsten mache? Leisten, das sind Fussformen, in denen der Schaft steckt. Von der Grundform aus einen Schuh erschaffen. Masse einarbeiten; rausfinden, ob das wirklich passt. Mit Leuten ihre Schuhe aussuchen. Für einen Kunden, der bei mir erhält, was ihm passt und gefällt, ist das wie Weihnachten. Dies ist eine Aufforderung an mich, das auch herstellen zu wollen. Bei Spezialschuhen spielen ebenfalls Farben und Mode eine Rolle.

Vom Zeitpunkt, wenn der Patient zu mir kommt, bis er mit seinen passenden Schuhen meinen Laden verlässt, vergehen mehrere Wochen. Für ein Paar benötige ich rund 40 Arbeitsstunden. Alles ist Handarbeit. Ein Paar orthopädische Massschuhe kostet mehrere tausend Franken. Für dessen Produktion muss ich auch über detaillierte Materialkenntnisse verfügen: Leder, Kunststoff, Karbon, Mikrofaserstoffe. Mit welchem Material kann ich welchem Problem zu Leibe rücken.

Dass ich Orthopädieschuhmacherin geworden bin, ist Zufall. Ich hätte auch Hörgeräteakustikerin oder Optikerin werden können. Schön ist, wenn Du mit Menschen arbeiten, ihnen helfen und Lebensqualität herstellen kannst. Das ist elementar in meinem Beruf. Sehen, wie jemand mit meiner Arbeit und Hilfe besser gehen kann. Schön ist auch, wenn ich mich täglich in meiner Werkstatt umdrehen kann und sehe, was ich heute mit meiner Händekraft gearbeitet habe und anfassen kann. Für mich ist wichtig, wie sich was anfühlt. Ich bin ein unheimlich haptischer Mensch. Oder wie fühlt sich der Fuss des Patienten an; ist er eher knöchern, weich, warm, kalt. Daraus kann ich schliessen, wie die Befindlichkeit des Patienten ist. Diesen muss ich spüren können. Ich habe gerne Kontakt zu Menschen.

Schlüsselerlebnis in der Lehre

Ich habe schon Kunden erlebt, die etwas wünschen, das aber technisch nicht möglich ist. Mühsam ist es dann, wenn sie das nicht akzeptieren wollen. Ich bin Schuhmacherin und kann nicht heilen und zaubern. Es gibt Punkte, wo der Patient immer noch Schmerzen haben wird. Dies deshalb, weil das Grundproblem so immens ist, dass ich es mit dem, was möglich ist, nicht abfangen kann. Das sind schwierige Momente.

Es gibt auch das Gegenteil. In der Lehre hatte ich das Schlüsselerlebnis. Mein Lehrmeister liess mich schon früh kräftig ran an die Arbeit. Einer alten Dame, die Diabetikerin war und im rechten Fuss ein Loch hatte, fertigte ich Schuhe an. Später kam sie zu mir. Ich sass der Frau gegenüber, sie guckte mich mit strahlenden Augen an und sagte: ‹Ich muss mich bei dir bedanken. Du hast mir Schuhe gemacht, dass meine Füsse wieder so gut sind. Ich habe sogar am Wochenende an der Hochzeit meines Enkels wieder tanzen können.› Die Frau hat den beschwerlichen Weg zu uns in die Werkstatt auf sich genommen, um mir danke zu sagen. So was kannst du mit keinem Geld der Welt bezahlen. Wegen solcher Sachen mache ich meine Arbeit so gerne.»