Wenn Engel eine Stimme haben, dann eine wie Nuria Rial: einen betörend schönen, jugendlich leuchtenden Sopran, der leicht und sicher auch die hochvirtuosen Ansprüche des barocken Belcanto umsetzt. Nuria Rial ist einer der grossen Stars der Alten Musik, auch wenn sie selbst diese Bezeichnung im Gespräch sofort relativiert. Wir treffen uns im Zug: Rial ist unterwegs nach Ennetbaden, wo sie mit dem Schweizer Ensemble «Chaarts – Chamber Aartists» ein Programm probt, das heute in Liestal und am kommenden Freitag in Rheinfelden zu hören sein wird. Mir gegenüber sitzt eine sympathische junge Frau ohne Allüren. Sie erzählt lebendig, mit natürlichem Charme und viel Humor. Ich frage sie nach ihren Anfängen als Sängerin. Sie habe schon als Kind immer gesungen und getanzt, berichtet sie, in der Wohnung der Eltern, im Treppenhaus: «Ich habe die Musik in mir, ich kann gar nicht anders, wenn es mit der Karriere nicht geklappt hätte, würde ich trotzdem noch immer singen.»

Nicht nur Alte, auch Neue Musik

Nuria Rial ist in der Stadt Manresa, 70 Kilometer nördlich von Barcelona, geboren. Mit elf Jahren hat sie am Konservatorium ein Klavierstudium begonnen, mit 17 kam der Gesang dazu. In dieser Zeit hat sie häufig in der Kirche und an Hochzeiten gesungen. 1998 wechselte sie an die Hochschule für Musik Basel an der Musik-Akademie, in die Konzertklasse von Kurt Widmer. Das sei Zufall gewesen, erklärt sie, sie habe sich an vielen Hochschulen beworben. Doch sie sei gern in die Schweiz gekommen, in dieses «gemütliche, kleine, schöne Land», wie sie meint. 2002 schloss sie in Basel mit dem Solistendiplom ab.

Heute ist die Sopranistin eine weltweit gefragte Interpretin Alter Musik. Sie hat mit den bedeutendsten Dirigenten der Historisch Informierten Aufführungspraxis gearbeitet, trat unter anderem in Israel und Bolivien auf, war an der Berliner Staatsoper und im Concertgebouw Amsterdam, beim Lucerne Festival und bei den Salzburger Festspielen zu hören und hat zahlreiche CDs, vor allem mit Musik aus Renaissance und Barock, aufgenommen. Doch ihr musikalisches Interesse ist viel breiter und das Schablonendenken im Musikbetrieb ärgert sie: «Ich habe zu Beginn meiner Karriere viel Renaissance-Musik gesungen und galt sofort als Renaissance-Spezialistin; mit Händel ging es mir später ebenso. Ich versuche aber beharrlich, diesen Clichés zu entkommen.»

Gern interpretiert sie auch Musik der Gegenwart. So hat sie vor zwei Jahren am Teatro Real in Madrid in der 2003 beim amerikanischen Tanglewood-Festival uraufgeführten Lorca-Oper «Ainadamar» des Argentiniers Osvaldo Golijov mitgewirkt. Mit dem katalanischen Pianisten und Komponisten Albert Guinovart hat sie ein Rezital erarbeitet mit Liedern von Franz Schubert über Francis Poulenc bis zu Guinovart selbst.

Der Region Basel treu geblieben

Bei all dem ist sie der Region Basel treu geblieben und das Basler Publikum kennt und liebt sie. Vor allem mit dem Kammerorchester Basel arbeitet sie regelmässig zusammen. Am 9. Oktober gastiert sie zudem in der Basler Kuppel in einer Cube-Session des Sinfonieorchesters Basel mit Liedern von Heitor Villa-Lobos und einigen der «Chants d’Auvergne» von Joseph Canteloube.

Bis vor einigen Jahren hat Nuria Rial auch in der Stadt gewohnt, später im badischen Wyhlen. Im letzten Herbst ist sie in ihre katalanische Heimat zurückgekehrt und lebt nun mit ihrem Mann, einem Instrumentalisten aus der Barockszene, und ihrem neunjährigen Sohn in der Nähe von Barcelona.

Händels spanische Kantate

Mit den «Chaarts» tritt Nuria Rial bereits zum zweiten Mal auf – und sie freut sich darauf: «Es sind sehr engagierte Musiker. Und wenn die Chemie stimmt, arbeite ich gern wieder mit einem Ensemble zusammen.» Sie singt zunächst die wenig bekannte Kantate «No se emendará jamás» von Georg Friedrich Händel. Die 1707 in Rom entstandene dreiteilige «Cantata Spagnola», wohl das einzige Werk Händels auf einen spanischen Text, verlangt neben dem Solo-Sopran auch eine obligate Gitarre. Es folgen zwei grössere geistliche Kompositionen von Antonio Vivaldi sowie Claudio Monteverdis «Lamento della Ninfa». Dazu spielt das Schweizer Ensemble Instrumentalwerke von Joaquin Turina, Vivaldi und Carl Philipp Emanuel Bach.

Nuria Rial singt häufig geistliche Musik. Ist sie selber religiös? «Ja», sagt sie, «ich bin ein spiritueller Mensch, aber ich bin nicht dogmatisch. Ich glaube, dass alle Religionen Versuche sind, einen Weg zu Gott zu finden – und die Musik auch. Wenn man diese wunderbaren Werke singt, ahnt man, dass etwas dahinter sein muss.»

Konzerte

Nuria Rial, mit der Cambalistin Naoki Kitaya und den «Chaarts»:
Stadtkirche Liestal, 23. September, 19.30

Kurbrunnen Rheinfelden 26. September, 19.30.

Nuria Rial beim Sinfonieorchester Basel:

Kuppel Basel: 9. Oktober, 21.00.