Anderthalb Jahre brauchte Paula Rudin*, bis sie genug Frauen für eine Selbsthilfegruppe zusammen hatte. «Viele trauen sich nicht», sagt Rudin. Beim Thema Vergewaltigung sei die Hemmschwelle hoch. Die 41-Jährige ist klein und zierlich. Sie wirkt schüchtern und wie eine junge Frau – nur ihre Augenpartie verrät ihr Alter. Wenn sie spricht, spürt man ihre Stärke.

Rudin stellte die Selbsthilfegruppe Vergewaltigung via Zentrum Selbsthilfe in Basel auf die Beine. Das Zentrum ist für beide Kantone zuständig, vermittelt in die 170 Selbsthilfegruppen und unterstützt bei einer Neugründung. Die Baselbieterin erzählt, sie habe die Gruppe aufgebaut, da sie mit Therapie alleine nicht mehr weiterkam. «Man hat Betroffene um sich, die wissen, wovon man spricht.» Jede stehe aber woanders, darum könne man sich Tipps geben. Aktuell sind es fünf Frauen zwischen 28 und 52 Jahren. Seit April 2010 treffen sie sich alle zwei Wochen. Eine Teilnahme ist kostenlos.

Prozess verloren

Bei Rudin begann es 2002. «Über Jahre» habe sie ihr damaliger Ehemann vergewaltigt, «bis ich ihn dann endlich rauswarf», erinnert sich Rudin. Sie habe Anzeige erstattet. Es brauchte mehrere Jahre, bis es zum Prozess kam. Von den Behörden fühlte sie sich nicht ernst genommen. Meist wirkt die Frau mit den langen Haaren gefasst. Hier kippt ihre Stimme erstmals. «Der Prozess kam nicht so heraus, wie er sollte», erzählt sie. Die Rekursfrist habe sie verpasst. «Ich hatte nach dem Prozess einen Nervenzusammenbruch und musste in eine Klinik.»

Viele Frauen verlören vor Gericht: «Ich kenne keine, die gewann.» Einige erstatteten gar nicht erst Anzeige. Was bedeutet eine Vergewaltigung für den Alltag? «Stress», antwortet Rudin. Von zeitweise nicht mehr richtig essen über Panikattacken bis Selbstverletzung sei alles dabei gewesen. Ihre Tochter und ihr Geschäft hätten sie wohl gerettet. Die Tat überschattet ihr Leben mittlerweile seltener. Kürzlich wollte ihre Tochter den Vater unbedingt bei einer wichtigen Familienfeier dabei haben. «Ich wusste, das schaffe ich nicht», sagt Rudin. In der Selbsthilfegruppe konnte sie besprechen, ob und wie sie das beim Kind durchsetzen könne.

Bei den Treffen kenne man zwar die Geschichte der anderen, aber sie fokussierten auf das Jetzt und wie das Erlebte dieses beeinflusst. Ein Thema sei der Hass gewesen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich einen solchen Hass entwickeln könnte», erinnert sich die 41-Jährige. Dann erzählt sie von einer Teilnehmerin, die das Haus nicht mehr verliess. Seit sie in der Gruppe sei, ginge sie wieder nach draussen. «Mittlerweile arbeitet sie sogar wieder.» Rudin bestätigt, dass nicht alle Probleme mit Selbsthilfe gelöst werden können: «Es gibt Fälle, bei denen die Selbsthilfe an ihre Grenzen stösst.» Beispielsweise bei starken psychischen Problemen wie einer Psychose. In solchen Fällen bietet das Zentrum Selbsthilfe Unterstützung.

Sparrunde abgewendet

Rudin ist froh, kam die geplante Sparrunde des Landrates nicht durch. Der Landrat wollte die Verpflichtungskredite für das Zentrum Selbsthilfe und die Frauenoase sofort kürzen und ab 2017 komplett einstellen. Hätte das Kantonsparlament die Regierungsvorlage nicht abgelehnt, «hätte ich Unterschriften gesammelt». Rudin: «Weil ich so viele Menschen kennen gelernt habe, denen eine Selbsthilfegruppe geholfen hat.»

*Name geändert