«Ich war am Tagesschau gucken, als das Bild plötzlich zu flimmern begann. Da hörte ich ein Rauschen. Ich dachte, der Brunnen vor dem Haus läuft aus.» Es war aber nicht das Wasser des Brunnens, das Peter Burgener am Samstagabend hörte, sondern der Dorfbach. Der hatte sich gerade aus den zu eng gewordenen Dolen befreit und ergoss sich nun über Strassen und Gärten. Auch Burgeners Wohnung wurde geflutet. Und sein gesamter Weinkeller. Das schmerze ihn, fügt der Pensionär an, fast noch mehr.

Auch am Tag drei nach den Überschwemmungen in Muttenz sind die Spuren der Wassermassen nicht zu übersehen. Einige Häuser hat es übel erwischt, vor allem im Oberdorf. In der Gempenstrasse etwa stehen mehrere Mulden, aufgefüllt mit verschlammtem Hausrat. Fahrzeuge von Zivilschutz, Feuerwehr, Kanalservice- und Reinigungsunternehmen stehen Stossstange an Stossstange, der Geruch von nasser Erde und Fäulnis liegt in der Luft.

An der Fassade eines Hauses erkennt man noch gut den Höchstwasser-Stand: Bauchhöhe. Ein Zivilschützer kommt aus dem Hauseingang. Er schleppt einen Bürostuhl, wirft ihn in eine Mulde.

28 Millimeter Regen fielen am Samstag zwischen 17 und 19.30 Uhr in Muttenz. Zu viel für den Dorfbach: Schon bei der Gärtnerei Dobler, weit ab vom Siedlungsgebiet, trat er über die Ufer – nicht erst beim Rechen zwischen Gempenstrasse und Hüslimattstrasse, von wo aus er normalerweise das Dorf unterquert. Am Samstagabend wurden Wohnungen, Keller und Garagen zu Überlaufbecken. Der Mauerring der Wehrkirche St. Arbogast hatte für einige Stunden einen Wassergraben, auch die breite Hauptstrasse war bis zum Kreisel beim Hotel Baslertor geflutet.

Um 19.51 Uhr bediente der letzte 14er die Station Muttenz Dorf, danach wendete die BVB ihre Trams beim Schänzli und umfuhr die Fluten mit Ersatzbussen. Erst gegen Mitternacht waren die Geleise wieder frei.

«Wohnen am Bach»

Glimpflich davon kamen die meisten Hauseigentümer an der Hauptstrasse. Anwohner Klaus Hüsler spritzt mit einem Gartenschlauch den Vorplatz sauber. Er sagt, er habe gerade noch rechtzeitig ein paar Sandsäcke aufstapeln können. «Das Wasser stand knöchelhoch – ein paar Zentimeter mehr, und der Keller wäre dran gewesen.» Hüsler hat den Humor nicht verloren. «Wohnen am Bach: Mein Haus hatte einen Mehrwert von 100 000 Franken», scherzt er. «Aber nur für ein paar Stunden.» Nicht zum Scherzen zu Mute war gestern Marko Bahrke, dem Muttenzer Zivilschutz-Kommandanten. Um 20.08 Uhr wurde seine Kompanie am Samstag aufgeboten – mit kurzen Unterbrüchen steht sie seither im Einsatz. Auch heute Mittwoch heisst es für sie: weiterschuften.

Die Gemeinde teilte gestern mit, dass keine Meldungen über verletzte Menschen oder Tiere eingegangen seien. Gebäudeschäden seien dagegen über hundert registriert worden, die Schadenssumme betrage mehrere hunderttausend Franken.

Der Dorfbach sei schon manches Mal über die Ufer getreten, sagt Gemeindepräsident Peter Vogt. «Dass das Wasser aber je so hoch stand, daran kann ich mich nicht erinnern.» Dem pflichtet Pensionär Peter Burgener bei. Er zeigt eine heil gebliebene Flasche aus seinem gefluteten Weinkeller. Bei seinem Einzug habe er sie gekauft. «Gran Tinto Viejo Don Pascual» steht auf der verschlammten Etikette. Und darunter: 1976.