Transparent, offen, modern. So präsentiert sich das Reinacher Gemeindehaus, 2002 eingeweiht, gezeichnet vom ehemaligen Basler Architektur-Duo Morger & Degelo. Transparent, offen, modern – Das passe zu Reinach, findet Urs Hintermann. Seit 2004 steht der Biologe und Unternehmer an der Spitze der 19 000-Einwohner-Gemeinde. Und der Sozialdemokrat darf für sich durchaus in Anspruch nehmen, dass Reinach unter seiner Ägide seither zumindest nochmals ein gutes Stück transparenter und moderner geworden ist. Er empfängt die bz in seinem Eckbüro im dritten Stock der Gemeindeverwaltung.

Herr Hintermann, können Sie eigentlich poltern?

Urs Hintermann: Ja.

Das können wir uns nicht so recht vorstellen.

Gerade vor zwei Wochen hatte ich eine Sitzung mit dem Finanzdirektor unseres Kantons, mit Toni Lauber. Da wurde ich schon sehr laut. Aber weshalb die Frage?

Wenn wir auf der Redaktion eine gemässigte, fundierte Stimme aus dem Unterbaselbiet brauchen, dann heisst es in der Regel: Frag doch den Hintermann aus Reinach, der sagt sicher etwas Vernünftiges.

Ich fasse das als Kompliment auf (lacht). Aber es ist schon so: Man muss vernünftig argumentieren, man muss ruhig bleiben. Wenn ich etwas erreichen will, muss ich überzeugen. Ich werde daran gemessen, was ich erreiche. Und ich erreiche nur etwas, wenn ich Argumente habe, diese mit Fakten, Daten und so weiter untermauere. Poltern nützt nichts.

Erreicht haben Sie viel als Gemeindepräsident. Seit elf Jahren sind Sie hier in diesem Büro. Wie viele Jahre sollen es noch werden?

Das ist nicht die Frage, die Sie stellen wollen. Ihre Frage ist, ob ich nochmals kandidiere.

So ist es. Treten sie nochmals an bei den Gemeindewahlen im kommenden Frühling?

Das wird die SP Anfang September an ihrer Nominationsveranstaltung entscheiden. Aber ich bin weder amtsmüde noch ausgelaugt. Ich habe noch eine Reihe von wichtigen Projekten am Laufen, die mich brauchen. Und deshalb würde ich diese gerne zu Ende führen und nochmals vier Jahre anhängen.

Welche Projekte meinen Sie? Oder anders gefragt: Welche Projekte würden denn ohne Sie nicht weiter- geführt?

Die meisten Projekte würden auch ohne mich weiterlaufen. Aber es ist wie überall: Wenn sie mitten im Projekt den Chef wechseln, dann gibt das unnötige Reibungsverluste und Verzögerungen. Zudem ist es in unserem politischen System so, dass grössere Vorhaben unglaublich viel Vorlaufzeit benötigen. Da wäre zum Beispiel die Überbauung beim alten Werkhof, wo über 100 Wohnungen entstanden sind. Die erste Idee dazu hatten wir im Jahr 2000. Nun werden die ersten Wohnungen bezogen – es dauerte also fünfzehn Jahre von den ersten Skizzen bis zur fertigen Wohnung. Und wir haben gleich eine ganze Reihe von solchen Planungen in der Pipeline.

Welche Projekte werden Sie neu anreissen?

Momentan ist das der gemeinnützige Wohnungsbau, der uns stark beschäftigt. Unser Leerwohnungsstand ist sehr tief; Wohnungen sind knapp und teuer. Es sollten aber auch junge, wenig begüterte Familien bezahlbaren Wohnraum finden. Es gibt zwei Projekte, die wir momentan vorantreiben. Andere Aufgaben, die ich weiterbringen oder neu angehen will, sind die verkrusteten Strukturen im Kanton, die zu geringen Spielräume der Gemeinden oder die regionale Zusammenarbeit.

Reinach geht es finanziell gut. Ihr habt seit Jahren positive Abschlüsse.

Ja, Reinach geht es gut. Aber das kommt nicht von selbst! Wir haben die eigenen Kosten im Griff. Aber die fremdbestimmten Kosten – also diejenigen, die vom Kanton gesteuert sind - wachsen, wachsen, wachsen. Wenn man nicht unglaublich aufpasst und auch immer wieder Einsparungen vornimmt, sind die Mehreinnahmen sofort wieder aufgefressen.

Wenn ich schaue, wie die Projekte vorwärtskommen, die Sie initiiert haben, dann erinnert es mich an das berühmte Zitat von Max Weber: Politik ist das starke langsame Bohren von harten Brettern. Kann man sagen: Nach elf Jahren kennen Sie den Laden, zumindest mit ein paar dicken Brettern sind Sie durch – und: Die Gegner sind langsam müde.

Es gibt nicht die Gegner. Aber es gibt immer wieder neue Vorhaben, wo man Menschen überzeugen und gewinnen muss. Als ich Gemeindepräsident wurde, habe ich fast zwei Jahre gebraucht, bis es selbstverständlich wurde, dass sich die Präsidien der Birsstadt-Gemeinden regelmässig getroffen haben. Heute haben wir ein gut funktionierendes, nützliches Netzwerk. Ein Gemeindepräsident darf nicht zu müde sein, Leute zu überzeugen.

Von Ermüdung also keine Spur?

Sehe ich so aus?

Nein. Aber ich könnte es mir vorstellen. Sie werden – trotz vielen Erfolgen – häufig zurückgeworfen.

Es gibt schon Argumente, die ich nicht mehr erwidern mag. Aber die Bilanz ist positiv: bei den wirklich wichtigen Dingen geht es vorwärts. Wir können etwas verändern.

Im Kanton ist das aber ganz anders. Die Grosswetterlage hat sich stark geändert, seit Sie im Amt sind. Es herrscht ein anderer Geist im Baselbiet. Noch bis vor wenigen Jahren hatte man den Eindruck, Baselland wolle das bessere, das schnellere, das fittere Basel sein. Das hat gekehrt. Dort sehe ich einen Punkt, wo Sie sagen könnten: Das Reaktionäre, das geht mir auf den Geist.

Das ist manchmal schon so. Es gibt Tendenzen, die ich bedauere, gerade auf Kantonsebene: Wir waren einmal ein Pionierkanton – heute herrscht eine Igelmentalität vor. Das beginnt mit dem Selbstverständnis: Man begnügt sich damit, zu bestimmen, was man nicht sein will. «Wir sind anders als Basel-Stadt». Das reicht doch nicht.

Diese Abgrenzungshaltung hat sich mit der Fusions-Initiative verstärkt. Sie waren ein Verfechter der Fusion.

Ja. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich für die Lösung Wieder-Vereinigung einstehe. Das Stimmvolk hat jedoch Nein gesagt, und das muss man anerkennen – damit habe ich keine Mühe. Aber nun müssen wir die Probleme angehen, die durch den Alleingang entstehen oder bleiben. Und wenn ich schaue, was in den letzten sechs Monaten passiert ist, dann sind die Ansätze bescheiden. Die geplante Spital-Zusammenlegung beider Basel sehe ich als Schritt in die richtige Richtung. Aber grundsätzlich kann ich noch keine Aufbruchsstimmung erkennen.

Man hat das Gefühl, man will lieber zwei Schritte zurück als einen vorwärts.

Man ignoriert oft Probleme, statt sie anzugehen. Ich setzte mich deshalb auch für kantonale Themen und Anliegen ein, wenn sie für die Zukunft der Gemeinden wichtig sind. Ich mache das ganz bewusst, obwohl ich ja nicht mehr im Landrat sitze. Langfristig gibt es für mich nur diesen Weg: Die Handlungsfreiheit und -spielräume stärken und die Zusammenarbeit unter den Gemeinden ausbauen. Wir Gemeinden müssen selber vorpreschen – wir können nicht warten, bis «der Kanton» die Probleme anpackt. Unsere Strukturen sind verkrustet, ich wiederhole mich. Es ist kein Zufall, dass Kantone wie zum Beispiel Aargau an uns vorbei gezogen sind. Die direkten Nachbarn sind sehr konkurrenzfähig geworden: Kaiseraugst, das Fricktal und so weiter. Und wir? Wir kämpfen immer noch mit Höhenfeuern gegen den Anbruch der neuen Zeit.

Sie betonen immer wieder, dass Reinach neuen Wohnraum braucht. Sonst müsste eine schrumpfende Einwohnerschaft die Aufgaben tragen, die eher zu- als abnehmen. Ist Reinach zum Wachstum verdammt?

Nein. Unser Auftrag heisst nicht wachsen, sondern Erhalten von Wohn- und Lebensqualität. Und für dieses Ziel müssen wir bauen. Es braucht neuen Wohnraum, für Familien, für ältere Leute. Die Bevölkerung wird älter, will wieder näher zum öV, näher zu den Einkaufsgelegenheiten. Darum haben wir auch gesagt: Wir brauchen ein starkes, attraktives Zentrum. Das sind konkrete Ziele, die wir verfolgen. Das ist alles andere als eine Strategie im Stile von Wachstum-auf-Teufel-komm-raus. Natürlich sind Nachbarn manchmal skeptisch gegenüber Neubauprojekten. Auch hier hilft nur: reden, argumentieren, überzeugen. Das braucht viel Zeit und Energie, die ich aber gerne investiere. Sie sehen also: Es würde mir kaum langweilig werden, wenn ich nochmals vier Jahre an der Spitze von Reinach sein könnte.