«Seit fünf, sechs Jahren wohne ich im ‹Gritt›. Nach einer schweren Operation konnte ich nur kurz wieder auf unseren Hof zurück. Die Pflege zu Hause war zu kompliziert. Das war hart für mich. Aber man erlebt alles. Zuerst belegte ich im Altbau ein Eckzimmer, fast am gleichen Ort wie heute.

Darin gefiel es mir sehr gut, besser als jetzt. Es war gemütlicher, obwohl es viel kleiner war. Ich fühlte mich wie daheim. Jetzt ist es modern. Aber ich habe mich nun daran gewöhnt und möchte nichts mehr ändern.

Jesses Gott, habe ich geweint

Es war schlimm für mich, auf den Allerheiligenberg zu wechseln. Jesses Gott, ich habe auf der ganzen Fahrt geweint, weil ich mein geliebtes Zimmer im ‹Gritt›, meine Heimat, verlassen musste. Beim Ein- und Ausladen dort oben war ein Clown dabei, der uns unterhielt. Dieser half mir und tröstete mich. Der Clown blies einen grossen, roten Ballon auf und reichte ihn mir. Dann ging es mir ein bisschen besser.

Zweieinhalb Jahre verbrachte ich auf dem Allerheiligenberg in einem wunderschönen Zimmer mit Balkon, auf dem ich Blumen hatte. Aber klein war es. Mir gefiel es in dieser Umgebung, inmitten eines grossen Landwirtschaftsbetriebs, auch sehr gut. Das Panorama ist einmalig. Bei guter Sicht sieht man alle Berge vom Säntis bis zu den Waadtländer Alpen. Einfach traumhaft!

Früher wurden hier Tuberkulose-Patienten behandelt. Auf meinem Balkon hat noch das Gestell eines Betts gestanden, das vielleicht 200 Jahre alt ist. Dorthin mussten die Kranken liegen, um frische Luft einzuatmen. Das ist ein kleines Andenken an vergangene Zeiten. Ich bin eine halbe Archäologin, die alles Alte interessiert. Auf dem Allerheiligenberg hatte es einst eine Kapelle, die aber abgerissen wurde. Die übrig gebliebenen Glocken hängte man auf einer grossen Terrasse auf.

Als unser Pfarrer das erste Mal für eine Predigt zu uns kam, drückte er auf den falschen Knopf und setzte die Glocken in Gang. Hei, war das eine Aufregung in der Verwaltung. Bei seinen weiteren Besuchen war es dem Pfarrer wurst; er liess die Glocken einfach läuten.

Das Essen auf dem Allerheiligenberg war immer gut. Ich wohnte auf einem ganz langen Gang, alle Leute dort hatten ein super Verhältnis untereinander – wie eine grosse Familie, und immer die gleichen Betreuerinnen. Jetzt im ‹Gritt› ist es nicht mehr so, wir sind zerrissen worden. Nur noch drei Pensionärinnen sind auf dem gleichen Gang, die Schwestern wurden auch durchmischt.

Von hier aus sehe ich meinen Hof

Seit ein paar Monaten bin ich wieder hier. Der Umzug tat mir auch leid, fiel mir aber nicht mehr so schwer. Ich freute mich riesig aufs neue Zimmer. Und natürlich darauf, zurück in meiner Heimat zu sein. Das ist alles meine Heimat. Von hier aus sehe auch zum Ober Sörzach, auf den Hof, auf dem ich bis zu meinem Eintritt ins Altersheim gewohnt habe. Hier habe ich jetzt Fuss gefasst. Ich bin glücklich mit meinem Zimmer und zufrieden und möchte nicht mehr zurück.

Ich bin kontaktfreudig und gehe auf die Leute zu. Wir reden über aktuelle Ereignisse, übers Wetter und über Gott und die Welt. Ab und zu bin ich im Gang und beobachte, was auf dem Bau nebenan läuft. Ich bin gerne an der frischen Luft. Lärm ertrage ich aber nicht mehr.

Nach zwei Stürzen wegen ‹Blackouts› erlitt ich Kopfverletzungen. Das macht mir Probleme, ich muss sorgsam sein. Aber ich will nicht jammern. Eine Bauernfrau ist zäh. Mein Zahnarzt sagte mir schon, ich sei zähes Holz. Recht hat er. Ich bin auch gern allein im Zimmer. Leider kann ich wegen meines schlechten Augenlichts nicht mehr lesen. Das ist so schade: Früher hatte ich keine Zeit zum Lesen, und jetzt hätte ich sie, kann aber nicht mehr.

Ich habe keine Angst vor dem Tod

Ich bin in Langnau im Emmental aufgewachsen. Als 18-jähriges Mädchen kam ich für den Landdienst nach Giebenach. Dort lernte ich meinen Mann kennen, und die Liebe verschlug mich ins Baselbiet. Wir bewirtschafteten den Hof Ober Sörzach ob Niederdorf. Eine Tochter und zwei Söhne vervollständigten unsere Familie. Ein Sohn starb an Krebs, dessen Witwe und ihr Sohn betreiben nun den Hof. Nach meinem Mann durch Schlaganfall auch noch einen Sohn zu verlieren, war sehr schwer. Denn wir hatten ein wunderbares Verhältnis zusammen – wir waren ein Herz und eine Seele.

Vor dem Einschlafen bete ich immer. Manchmal auch tagsüber, wenn mir etwas in den Sinn kommt oder etwas Schönes oder Schlimmes passiert ist. Ich bin religiös. Das ist mir eine Stütze. Jeden Montagmorgen ist im ‹Gritt› Predigt, die ich immer besuche. Diese hat stets grossen Zuspruch. Das Altersheim ist die letzte Station im Leben. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich wünsche, dass ich einfach mal einschlafe und nicht mehr erwache.»