Auf den ersten Blick macht Markus Steg einen hilflosen Eindruck. Der 84-Jährige läuft gebückt und benötigt einen Gehstock. Für Strassenräuber scheint er ein leichtes Opfer zu sein.

Doch weit gefehlt. Der Bewohner des Seniorenzentrums Rosengarten in Laufen weiss sich zu wehren. Der Pensionär besitzt einen grünen Gürtel in Fudokan-Karate. Damit verfügt er über fortgeschrittene Kenntnisse der aus Japan stammenden Kampfkunst. Bei der von ihm ausgeübten Richtung sind es vor allem gesundheitliche Aspekte, die im Zentrum stehen.

Jeden Mittwochmorgen zieht sich Markus Steg seinen weissen Trainingsmantel aus Baumwolle an. Er verlässt sein Zimmer, begibt sich nach unten und freut sich auf die Lektion. Seit eineinhalb Jahren bietet das Kampfkunstcenter Laufen im Seniorenzentrum Rosenacker einen Kurs für die Bewohnerinnen und Bewohner an. Sind alle da, machen zwölf Personen die Übungen mit. Meistens muss jedoch der eine oder die andere aussetzen.

Es beginnt mit einer Meditation

Auch bei unserem Besuch ist die Gruppe reduziert. Auf einem der Stühle brennt eine kleine Kerze für einen Teilnehmer, der am Wochenende gestorben ist. Ein anderer ist kürzlich gestürzt und kann deshalb nicht dabei sein. «Das gehört halt leider auch dazu», erklärt Klaus-Thomas Hildesheim, der die Senioren unterrichtet. Der Gründer des Kampfkunstcenters Laufen betont, dass auch Gäste mittrainieren können. So sind auch heute einige dabei, die nicht im Seniorenzentrum leben.

Sanfte Gitarrenklänge, Wasserplätschern und das Pfeifen von exotischen Vögeln erfüllen den Aufenthaltsraum des Altersheims. Die Lektionen beginnen und enden immer mit einer kurzen Meditation. Alle schliessen ihre Augen, legen ihren Daumen auf den Zeigefinger und atmen langsam ein und aus. In der heutigen Stunde steht eine sogenannte Kata auf dem Programm. Bei dieser handelt es sich um einen Kampf gegen einen imaginären Gegner. Es geht darum, sich die einzelnen Kampfschritte genau einzuprägen.

Jeder in seinem eigenen Tempo

Sensei Hildesheim zeigt vor, seine Schüler machen es ihm nach. Sie ballen die Hände zu einer Faust, strecken die Arme aus und nehmen ihre Knie hoch. Jeder macht die Bewegungen in seinem eigenen Tempo und nach seinen Möglichkeiten. Die Schläge, um den Widersacher bei der Kata bezwingen zu können, verlangen eine gute Koordination. Am Schluss der Lektion lassen sie alles noch einmal Revue passieren, indem sie sich den Ablauf des eingebildeten Kampfes auf Video anschauen.

Kurz zuvor verteilt der Trainer seinen Schützlingen einen Regenschirm, mit dem sie möglichst hart zuschlagen sollen. Er selber hält eine kleine Matte in den Händen und freut sich über die Kraft der Senioren, wenn sie draufdreschen. «Natürlich geht es nicht darum, hier Prüglerinnen und Prügler auszubilden», stellt Klaus-Thomas Hildesheim klar. Der vier Komponenten seines Kurses seien Beweglichkeit, Gleichgewichtssinn, Selbstbewusstsein und Selbstverteidigung.

Der Heimleiter trainiert mit

«Wenn es uns gelingt, dass nur einer der Senioren durch das Fudokan-Karate in eine tiefere Pflegestufe rutscht, hat sowohl er als auch das Altersheim gewonnen», meint der deutsche Trainer unverhohlen. Dieser Ansicht ist auch der Heimleiter Michael Rosenberg, welcher selbst bei den Lektionen für seine Bewohner mitmacht. Er hat den Karate-Unterricht initiiert und ist seit Beginn mit Begeisterung dabei.

Dasselbe gilt für Markus Steg, der auf den Regenschirm verzichten kann und stattdessen mit seinem Gehstock zuschlägt. «Die wöchentlichen Kampfkunst-Lektionen stärken meine Gesundheit», erklärt der Rentner trocken. Er könne heute sein Bein, das einst bei einem Motorradunfall schwer verletzt wurde, wieder deutlich besser bewegen.