Omnipräsent sind sie, die vielen Wahlplakate mit den Köpfen der Kandidierenden an den Strassen, Bahnhöfen und auf den grossen Plätzen im Baselbiet. Die Leserbriefspalten sind voller Wahlempfehlungen, die Redaktionen der regionalen Medien porträtieren die sechs Regierungskandidierenden und analysieren die Ausgangslage vor den Landratswahlen vom 31. März 2019.

Der Wahlkampf ist im Baselbiet das dominierende Thema. Könnte man meinen. Tatsächlich aber interessiert sich nur eine Minderheit der Bevölkerung für die Wahlen. Bloss 33,8 Prozent der Wahlberechtigten gingen bei den letzten Gesamterneuerungswahlen im Baselbiet am 8. Februar 2015 an die Urne.

Zwar liegt auch anderswo in der Schweiz den Menschen die nationale Politik näher als die kantonale. Doch im Baselbiet ist dieser Unterschied besonders ausgeprägt: Bei den letzten Nationalratswahlen – ebenfalls 2015 – lag die Wahlbeteiligung bei 46,8 Prozent – 13 Prozentpunkte höher als bei den kantonalen Wahlen. Im schweizweiten Vergleich zur Beteiligung an kantonalen Wahlen liegt Baselland auf Rang 19, Basel-Stadt auf Rang 10.

Auch Sachabstimmungen vermögen im Landkanton nur selten zu mobilisieren: Eine Stimmbeteiligung von über 40 Prozent wird in aller Regel nur in Kombination mit zugkräftigen eidgenössischen Vorlagen erreicht. Fehlt eine solche – wie zuletzt am 10. Februar – so lockt selbst eine aus Sicht der Behörden und Politiker sehr wichtige Abstimmung wie jene zur Fusion der öffentlichen Spitäler beider Basel, nur 37,6 Prozent der Stimmberechtigten an die Urne.

An Abstimmungswochenenden ohne eidgenössische Vorlage ist im Baselbiet eine Beteiligung unter 30 Prozent eher die Norm als die Ausnahme.

Zuzügerkanton Baselland

Doch woher stammt dieses verbreitete Desinteresse an der Baselbieter Politik? Baselland sei ein ausgesprochener Zuzüger-Kanton, gibt der aus Liestal stammende Historiker und Medienwissenschaftler Roger Blum zu bedenken.

In den stark wachsenden Kanton zogen in den vergangenen Jahrzehnten neben vielen Aus- auch viele Inländer: Innerschweizer oder Ostschweizer etwa, die von der florierenden chemischen Industrie der Region angezogen wurden. «Im Gegensatz etwa zum Kanton Bern oder zur Innerschweiz ist die Baselbieter Bevölkerung nicht dominiert von Alteingesessenen», sagt Blum.

Baselland ist nach Zug jener Kanton mit dem tiefsten Anteil an Kantonsbürgern an der Gesamtbevölkerung. Die grosse Zuwanderung und starke Durchmischung habe dazu geführt, dass die Zugehörigkeit zu traditionellen Strukturen wie etwa Bürgergemeinden, zu religiösen Gemeinschaften oder Vereinen im Vergleich zu anderen Regionen weniger ausgeprägt sei. Dementsprechend gibt es hier weniger Möglichkeiten, mit anderen über kantonale Politik ins Gespräch zu kommen.

«Der Kanton hat es in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit schwer», sagt der in Muttenz wohnhafte alt Regierungsrat Peter Schmid (SP). Organisch gewachsene, identitätsstiftende Institutionen gebe es im Baselbiet nur wenige. Gehe es um Politik, so interessierten sich vor allem die Bewohner der Agglo zuallererst für nationale Belange und dann – wenn überhaupt – für die Grünabfuhr in der eigenen Gemeinde, führt Schmid aus.

Der Kanton findet abgesehen von der jährlichen Steuerrechnung nicht statt. Dies, obwohl im stark zentralisierten Baselland natürliche Personen weit über die Hälfte der Steuern dem Kanton abliefern. Ein Paradox.

Liestal ist weit weg

Kein Wunder, ist vor allem in den stadtnahen Gemeinden die Wahlbeteiligung in kantonalen Belangen besonders tief: In Pratteln wählten 2015 gerade einmal 27,8 Prozent ihre Abgeordneten für den Landrat, in Birsfelden und in Aesch waren es je 28,8 Prozent.

Cloé Jans, Politologin am Forschungsinstitut GFS Bern, sagt: In den Basel-nahen Gemeinden lebten viele, die einst aus der Stadt über die Kantonsgrenze wanderten, etwa weil auf dem Land Miete oder Krankenkassenprämie günstiger seien. «Die kulturelle und politische Identität dieser Menschen orientiert sich aber in vielen Fällen weiterhin an der Stadt Basel – und nicht am neuen Wohnkanton», sagt Jans.

Hier spielt es für viele Menschen keine grosse Rolle, auf welcher Seite der Kantonsgrenze sie leben. «Und wenn es für diese Menschen einen einschneidenden Moment im neuen Kanton gibt, dann ist es eher der Erhalt der BL-Nummernschilder – und nicht das erstmalige Ausfüllen des Wahlzettels.»

Ein hoher Anteil an Einwohnern mit guter Bildung und hohem Einkommen verheisst in der Regel eine hohe Wahl- und Stimmbeteiligung. Das ist auch in den Agglo-Gemeinden so. Doch wegen der mangelnden Bindung an Baselland liegt die Beteiligung bei kantonalen Wahlen selbst in Gemeinden wie Arlesheim (34,3%, 2015) oder Bottmingen (39,6 %) unter jener in Basel-Stadt (41,7%, 2016).

Am schlechtesten ist die Beteiligung bei kantonalen Wahlen aber nicht in der Agglo, sondern an der Peripherie: 2015 verzeichnete Roggenburg im westlichen Zipfel des Kantons mit 19,5 Prozent den Tiefstwert. Eine stark unterdurchschnittliche Beteiligung zeigten zudem die Laufentaler Gemeinden Burg, Brislach und Duggingen und das an Solothurn grenzende Bretzwil.

Auch wenn für die Beteiligung in den Gemeinden unter anderem lokale Faktoren wie Kandidierende aus dem Dorf verantwortlich sind, lässt sich einiges ableiten. «Im Laufental haben viele kein Interesse an der kantonalen Politik», sagt der Laufner Rolf Richterich, der seit bald 16 Jahren im Landrat politisiert und im Sommer wegen der Amtszeitguillotine abtreten muss. Liestal sei weit weg, er höre selbst von früheren Pro-Baselbietern: «Die beim Kanton machen ohnehin, was sie wollen.»

Die mangelnde Identifikation mit dem Kanton gelte nicht nur für den Spezialfall Laufental, ist Richterich überzeugt. «Baselland ist ein Verwaltungskonstrukt. In Stadtnähe orientieren sich die Menschen an Basel, und jene auf dem Land an ihrem Tal.»

Dass in den Tälern ein Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden ist, hat neben den «Klassikern» Waldenburger- und Laufental jüngst das Homburgertal gezeigt: Die Gemeinden an der Läufelfingerli-Strecke wehrten sich solidarisch und erfolgreich gegen die von der «Obrigkeit in Liestal» beschlossene Stilllegung der Bahn.

Baselland sei von der geografischen Struktur her vergleichbar mit dem Aargau, findet FDP-Landrat Richterich – nur kleiner: viele, in sich mehr oder weniger geschlossene Räume, ein Agglo-Teppich ohne klares Zentrum. Tatsächlich ist die Wahlbeteiligung im Aargau mit 32,8 Prozent noch tiefer als im Baselbiet. Leicht grösser, aber ebenfalls nicht berauschend ist das Interesse an der Kantonspolitik im ebenfalls weitverzweigten Solothurn (35,3%).

«Ein gutes Zeichen»

Stellt sich abschliessend die Frage: Ist die tiefe Stimm- und Wahlbeteiligung im Baselbiet schlecht? Klaus Kocher, ehemaliger Chefredaktor der «Nordschweiz» und CVP-naher Polit-Berater, mag nicht in das Klagelied einstimmen. «Eine niedrige Stimmbeteiligung ist ein gutes Zeichen», sagt Kocher. Wem nichts fehle, für den sei ein Urnengang nicht wahnsinnig wichtig. «In einer Diktatur gehen 90 Prozent wählen – und haben trotzdem nichts zu sagen.»

Auch in der Schweiz ist eine hohe Stimmbeteiligung nicht immer ein Hinweis auf eine demokratiepolitisch reife Auseinandersetzung. Aus der tiefen Beteiligung in den vergangenen 20 Jahren könnte man also schliessen, dass die Baselbieter Wähler mit den hiesigen Verhältnissen zufrieden waren. Ob das 2019 noch immer zutrifft? Am 31. März wissen wirs.