Der Herbst 1989 hat einen festen Platz in der Erinnerung der Zeitzeugen im Laufental. Während die Weltöffentlichkeit nach Berlin blickte, wo eben die Mauer gefallen war, spielte sich in der Region ein eigener Politkrimi ab: Die Frage, ob der Bezirk Laufen beim Kanton Bern bleiben oder sich Baselland anschliessen soll.

Wie in der Hauptstadt Deutschlands wissen viele im Laufental noch heute, wie sie die stürmischen Tage damals verbracht haben. Die Stimmung hatte sich nochmals aufgeheizt, nachdem bekannt geworden war, dass bei der Abstimmung 1983 nicht alles mit rechten Dingen zuging. Eine illegale Spende des Kantons Bern an die Berntreuen im Tal war ans Tageslicht gekommen.

Das Bundesgericht erklärte das Abstimmungsresultat im Dezember 1988 für nichtig und die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger erhielten die Möglichkeit, ein weiteres Mal abzustimmen. Hatte sich sechs Jahre zuvor noch eine knappe Mehrheit der Laufentaler für einen Verbleib bei Bern ausgesprochen, lag nun ein Umschwung in der Luft.

Anlässe, Plakate und Flugblätter

Am 12. November 1989 waren die Laufentaler dazu aufgerufen, über ihre künftige Kantonszugehörigkeit zu entscheiden. In den Wochen vor dem Urnengang betrieben die Probaselbieter und Berntreuen einen für Schweizer Verhältnisse ungewöhnlich emotionalen und harten Abstimmungskampf. Organisiert in verschiedenen Komitees machten beide Lager öffentlich Werbung für ihre Sache.

«Ich war fast jeden Abend an einer Veranstaltung in einer der Ortschaften des Laufentals», erzählt Heinz Aebi, langjähriger Präsident der Laufentaler Bewegung, die sich für den Kantonswechsel einsetzte. Er und seine Kollegen zeigten Dias aus dem Laufental und nutzten die Schau gleich dazu, um Unentschlossene auf ihre Seite zu ziehen. «Auf dem Helye-Platz in Laufen trafen wir uns, um gemeinsam Plakate zu malen. Auch viele Kinder halfen mit.» Danach hängten die Anschluss-Befürworter die selbstgestalteten Poster an exponierten Orten im Tal auf.

Im Lager der Berntreuen engagierte sich der heutige Laufner FDP-Landrat Rolf Richterich. Er wurde damals durch die Laufental-Frage politisiert. «Um sicher zu stellen, dass alle Probernerinnen und Proberner an die Urne gehen, organisierten wir im Vorfeld der Abstimmung viele Anlässe», erinnert er sich. Zwischen den Berntreuen und den Probaselbietern habe es einen Wettbewerb gegeben, wer die besseren Orte für seine Plakate und Kleber findet.

Die beiden Lager verteilten im Laufner Stedtli Flugblätter und wandten sich mit eigenen Propagandablättern an ihre Klientel. In scharfem Jargon wurde der Gegner desavouiert. Auch die etablierten Zeitungen bezogen Stellung: Die Tageszeitung «Nordschweiz» wurde zum Sprachrohr der Probaselbieter, das mehrmals wöchentlich erscheinende Lokalblatt «Volksfreund» jenes der Proberner.

Man wechselte die Strassenseite

Unternehmen, Geschäfte und Vereine schlugen sich auf eine Seite. Es gab im Laufental kaum jemanden, der keine Meinung zum Kantonswechsel hatte. In der Öffentlichkeit war zumeist bekannt, wer sich für einen Übertritt zum Kanton Baselland und wer sich für einen Verbleib bei Bern einsetzte. «Manchmal ging es sogar so weit, dass wir die Strassenseite wechselten, wenn ein Vertreter des gegnerischen Lagers auf uns zukam», hört man immer wieder, wenn man nach der damaligen Stimmung im Tal fragt.

Viele mieden Läden, die von Personen der Gegenseite betrieben wurden. Die Gesellschaft war in zwei etwa gleich grosse Blöcke gespalten. Familien zerstritten sich und Freundschaften gingen zu Bruch. Das Restaurant Lamm im Laufner Stedtli entwickelte sich zum Treffpunkt der Probaselbieter, das Restaurant zum Hirschen zu jenem der Berntreuen.

Im Lokal nahe des Untertors der Laufner Altstadt verbrachten die Proberner dann auch den Abstimmungssonntag. «Das Regionalfernsehen veröffentlichte nach und nach die Resultate der 13 Laufentaler Gemeinden», sagt Guido Karrer, der lange Zeit als Präsident der Vereinigung Berntreuer Laufentaler amtete.

4650 Stimmberechtigte im Laufental votierten am 12. November 1989 für einen Kantonswechsel, 4343 dagegen. Die Stimmbeteiligung erreichte mit 93,6 Prozent einen Schweizer Rekordwert. Waren die Berntreuen zuvor noch fahnenschwenkend durch die Strassen gezogen, habe sich nach der Verkündigung der Niederlage eine grosse Enttäuschung breitgemacht, erzählt Karrer. «Trotz allem hatten wir ein rauschendes Fest, das bis in die frühen Morgenstunden dauerte.»

Die Probaselbieter feierten ihren Abstimmungssieg in einem grossen Zelt auf dem Amtshausparkplatz in Laufen. Das Schweizer Fernsehen berichtete über den historischen Entscheid und das Radio war mit einem Übertragungswagen vor Ort. «Ich erfuhr im Zelt, dass die Laufentaler den Kanton wechseln möchten», erinnert sich der Journalist Thomas Immoos, der in den 1980er-Jahren als Redaktionsleiter der «Nordschweiz» tätig war, die sich für einen Kantonswechsel aussprach. Kurz darauf musste er zurück in die Redaktion, um über den Triumph der Probaselbieter zu berichten. Die Siegreichen zogen anschliessend jubelnd durch die Altstadt.

Die Laufentaler Bewegung singt das Baselbieter Lied

Die Laufentaler Bewegung singt das Baselbieter Lied.

Die Narben sind meist verheilt

Auch nach dem historischen Abstimmungssonntag blieb die Stimmung im Laufental lange Zeit angespannt. Die Proberner fochten den Abstimmungsentscheid an, blitzten aber vor Bundesgericht ab. Auch Ausflüge nach Bern, wo sie gegen einen Beitritt zum Baselbiet warben, brachten nichts. Das Schweizer Stimmvolk hiess den Kantonswechsel in der eidgenössischen Abstimmung am 26. September 1993 deutlich gut und das Laufental trat auf das Jahr 1994 dem Baselbiet bei.

Heute deutet im Laufental kaum mehr etwas an die heftigen Grabenkämpfe hin, die sich vor knapp drei Jahrzehnten hier abspielten. «Der Kantonswechsel ist kein Thema mehr», hält der Proberner Guido Karrer fest. Die Narben, die der Abstimmungskampf bei vielen hinterliess, scheinen grösstenteils verheilt. Die allermeisten Berntreuen haben sich mit dem neuen Kanton arrangiert.

Was jedoch nicht bedeutet, dass sie nicht mehr zu ihrer Haltung stehen. In einigen Gärten im Laufental hängen auch noch heute Berner Fahnen. Wie in Berlin die Mauerreste sind sie Überbleibsel der Geschichte.