Normalerweise sind im Baselbieter Kantonsmuseum in Liestal Dauer- oder Sonderausstellungen zu Themen wie der Seidenbandherstellung oder dem Tierleben im Landkanton zu sehen. Ab heute bis zum 4. September dreht sich im Museums-Foyer aber alles um ein Tabu-Thema. Im Rahmen der interaktiven Sonderschau «Willkommen zu Hause» wird eine Wohnung als Kriegsschauplatz nachgestellt.

Das Schlafzimmer ist der Tatort sexueller Gewalt, das Wohnzimmer mit der Mini-Bar der Schauplatz des betrunkenen Ehegatten, der auf seine Frau eindrischt. Im Badezimmer deuten Schmerz- und Beruhigungspillen auf das menschliche Drama hin. Im Kinderzimmer erleben die Jüngsten Elternkonflikte als eigentlichen «Weltkrieg», da für sie das Heim und die Familie die ganze Welt bedeuten.

Nicht selten werden die Kinder dann selber Opfer von Gewalt; gemäss Ausstellungsdokumentation erleben in der Schweiz 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen Gewalt im Alltag. Aber auch erst seit kurzem erforschte Formen der Beziehungsgewalt wie handgreifliche Konflikte in Beziehungen zwischen Teenagern oder die Nötigung via «Sexting», also das Veröffentlichen von intimen Fotos in sozialen Netzwerken, werden in eigenen «Zimmern» thematisiert.

Alles darf angefasst werden

Interaktiv bedeutet, dass alle Ausstellungsstücke berührt und nach weiteren Botschaften hin untersucht werden können. Diese verstecken sich etwa im Aufdruck von T-Shirts im Kleidergestell, oder können auf dem Bettbezug nachgelesen werden. Via Kopfhörer kann der Ausstellungsbesucher Konfliktszenen mithören, was besonders wirksam ist, wenn etwa der Elternstreit nur durch die geschlossene Türe hindurch vernehmbar ist – also genau so, wie Kinder solche traumatischen Situationen miterleben.

«Häusliche Gewalt findet in allen Altersgruppen statt und zieht sich durch alle sozialen Schichten. Häusliche Gewalt bleibt meist im Verborgenen, da sie sich im privaten Bereich abspielt. In einer Studie des eidgenössischen Gleichstellungsbüros für Frau und Mann aus dem Jahr 2013 über die Folgekosten von Gewalt in Paarbeziehungen geht man von bis zu 287 Millionen Franken pro Jahr aus.» Dies schreibt die Baselbieter Sicherheitsdirektion zur gesellschaftlichen Relevanz der neuen Ausstellung, die von der Fachstelle für Gewaltprävention des Kantons Luzerns, der Luzerner Bildungsstelle gegen häusliche Gewalt  und der interkantonalen Polizeischule Hitzkirch entwickelt wurde. Ins Baselbiet geholt haben sie die kantonale Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und die Fachstelle Kindes- und Jugendschutz.

Schülerinnen machen eigene Zeitung

Ergänzend zur ebenso intelligent wie ansprechend gestalteten Ausstellung finden eine Reihe von Begleitveranstaltungen statt (Details unter baselland.ch/museum-bl).

Sekundarschülerinnen aus Aesch werden zum Thema eine eigene Zeitung produzieren, die flächendeckend an alle Baselbieter Sekundarschulen verteilt werden wird. Ebenso wird ein eigener Informationsabend für Mitglieder des Polizeikorps stattfinden.

Dem Baselbieter Regierungspräsidenten und Sicherheitsdirektor Isaac Reber ist diese Ausstellung ein besonderes Anliegen, insbesondere auch, weil er sich von ihr einen vorbeugenden Effekt erhofft. «Häusliche Gewalt ist leider keine seltene Ausnahme, wie wir das oft und gerne glauben wollen. Jedes zweite Tötungsdelikt geschieht vor diesem Hintergrund.» «Willkommen zu Hause» soll Mut zum genauen Hinsehen machen und Wege aus der Gewaltfalle aufzeigen.