In den 80er-Jahren gab es diese Bücher, deren Geschichte man selbst steuern konnte. «Greifst du den Drachen an? Fortsetzung auf Seite 78». «Schleichst du dich an ihm vorbei: Weiterlesen auf Seite 105». So simpel konnte man vom Kinderzimmer aus ein fiktives Universum betreten und darin selber handeln. Dann kamen Computerspiele wie «Indiana Jones» und «Myst», seit neustem gibt es den vom Sessel aus steuerbaren Kinofilm. Immer perfekter wird die Illusion, selbst mit drinzustecken.

Eine der besten Illusionen bietet heute das Theater, dank des deutschen Kollektivs Machina Ex. Da steckt man leibhaftig im Spiel: in echten Räumen, mit echten Menschen, mit Gegenständen zum Anfassen. Man muss Entscheidungen treffen, Rätsel lösen, gamen. Reingeschubst, ohne Gebrauchsanweisung.

Die Theaterstücke von Machina Ex sind begehbare Computerspiele mit politischer Thematik. Im neusten, in «Lessons of Leaking», befinden wir uns fünf Jahre in der Zukunft. Und die ist düster. Deutschland wird von einer Type Frauke Petri namens Beate Peters regiert. Eine rechtspopulistische Kanzlerin, die alle Einwanderer für kriminell hält und ihr Volk dazu auffordert, einem Austritt aus der EU – «diesem sinkenden Schiff» – zuzustimmen. Es ist der Tag vor der grossen Abstimmung.

Wir Zuschauer/Spieler wissen das alles, weil wir im Wohnzimmer von Clara (Nora Decker) und David (Roland Bonjour) herumstehen und mit dem jungen Paar die Nachrichten am Fernsehen schauen. Da schwebt eine Sprecherin ins Bild, und auf dem unteren Bildrand twittern die Zuschauer live mit – «wenn diese Abstimmung angenommen wird, wandern meine Frau und ich nach Spanien aus». Die futuristische Sendung ist so gut gemacht, dass SRF sie für die nächste Auffrischung ins Auge fassen könnte. Auch die Kleidung der Protagonisten, die Möbel, die Geräte: alles schlicht, cool, zukünftig – und doch nicht zu sehr (Bühne: Franziska Riedmiller und Regisseurin Anna Fries).

Manchmal bleiben die Schauspieler plötzlich in einer Schlaufe stecken, wie kaputte Schallplatten. Das bedeutet: Wir müssen ihnen helfen, wir müssen für sie entscheiden. Denn Clara gerät in immer brenzligere Situationen: Geheime Dokumente eines Hackerkollektivs werden ihr zugespielt. Soll sie sich darauf einlassen? Ja. Schon bald bricht sie in einen Serverraum ein, unter Anweisung einer Hackerin (Ayana Goldstein). Leider geht dabei ein Alarm los. Wie abschalten? Unter Zeitdruck sollten die zwölf Zuschauer ein Rätselspiel lösen, das einen Raum mit mehreren Computern, Schaltern und Kärtchen involviert. Welche Gruppendynamik entsteht? Wie gut arbeiten die Spieler zusammen? Und wie wählen sie zusammen aus Handlungsoptionen, die ganz unterschiedliche ethische Haltungen reflektieren?

Der Spielspass transportiert grosse politischen Themen. Und am Ende stellt sich die philosophische Frage, ob die Wahrheit immer richtig ist. Oder ob eine Lüge als Zweck die Mittel heiligt. Denn wer hier nicht leakt, der lügt. Doch wer leakt, ist kein Held der Öffentlichkeit à la Snowden, sondern ein unfreiwilliger Held der populistischen Regierung. Vier verschiedene Enden kennt das Spiel, je nach Publikum. Das unsere stimmte nicht zuversichtlich. Es werde zu 90 Prozent herbeigeführt.

«Lessons of Leaking» läuft am Freitag noch drei Mal im Roxy Birsfelden. Die Vorstellungen sind ausverkauft, doch es komme öfter vor, dass doch noch ein Platz frei wird.

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