«Es überrascht nicht, dass es auch in der Schweiz zunimmt, dass Bauern keinen Ausweg sehen», kommentiert Lukas Kilcher, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain. Von den alarmierenden Selbstmordraten indischer Bauern, wo sich gemäss «Schweizer Bauer» 2012 13 800 Bauern das Leben nahmen, ist die Schweiz zwar weit entfernt. Doch nachdem 2015 in der Waadt vier Bauern ihrem Leben ein Ende setzten, wurde eine Teilzeitstelle eines Bauernpfarrers geschaffen. Dieser berät gemäss «srf.ch» mittlerweile 41 Familien. Trotzdem haben sich heuer in der Waadt weitere acht Bauern umgebracht.

Im Baselbiet hat die bäuerliche Verzweiflung diese Stufe nicht erreicht. Kilcher ist kein Suizid bekannt, und im «Pfarramt für Industrie und Wirtschaft BS/BL» ist eine spezielle Bauernseelsorge kein Thema. Doch berichtet Andreas Haas, Präsident des Bauernverbands beider Basel, von vermehrten Fällen von Burnout. «Wir haben hier nicht weniger Probleme als in der Waadt mit dem Betrieb, der Bürokratie und der Familie. Aber dort gibt es mehr Bauern und grössere Betriebe», erklärt Haas.

Ist Zwang zum Wachstum falsch?

Grösse ist offenbar eines der Probleme. Der Hof eines Burnout-Betroffenen macht auf der Satellitenaufnahme im Internet-Telefonbuch einen modernen Eindruck. Die Siloballen stapeln sich, das Stalldach lässt auf einen grossen Vieh-Bestand schliessen. Haas weiss von einem zweiten Fall, der «noch rechtzeitig die Notbremse zog und von 70 auf 50 Kühe reduzierte». Die lange gültige Doktrin «wachsen oder weichen» fordere gerade in den Milchwirtschaftsbetrieben ihren Tribut: «Mit moderner Technik kann zwar ein Einzelner rasch und rationell melken. Aber man ist halt trotzdem auch an einem Sonntag oder über die Festtage morgens und abends angebunden und schnell mal acht Stunden im Stall. Da kommt man an den Anschlag.»

«Am Anschlag», diese Formulierung zieht sich durch alle Gespräche. 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen, von grossen Teilen der Gesellschaft argwöhnisch zur Kenntnis genommen, bewahren die Landwirtschaft offenbar nicht vor dem zunehmenden Druck. «Viele Bauern empfinden den Preis für ihre Produkte als Wertschätzung ihrer Arbeit», erklärt Kilcher. «Kommen die Preise durch den starken Franken und den Einkaufstourismus unter Druck, nagt dies an ihrem Selbstbewusstsein.»

Das lässt sich durch Direktzahlungen nur materiell etwas ausgleichen, denn diese sind verbunden mit Aufzeichnungspflichten und Kontrollen, also mit «Bürokratie», die viele Bauern, denen Fremdbestimmung wider den Strich geht, am Ende langer Arbeitstage belastet.

Beruf und Familie verquickt

«Mit dem Druck sind die Bauern nicht allein, auch andere KMU und Berufsgruppen sind betroffen», meint Kilcher. «Aber bei Landwirten ist das Risiko am grössten, sich zu versteigen.» Jede Investition in Ställe, Obstanlagen oder Maschinen trage erst langfristig Früchte und sei kapitalintensiv.

Das bekommen auch die anonymen Berater des «Bäuerlichen Sorgentelefons» zu hören. «Da kommen Leute mit einem gut bezahlten Bürojob, sagen einem, wie man’s machen soll, und gehen wieder», kommentiert Ruth Buchwalder aus Liesberg, Vizepräsidentin des Sorgentelefons. «Sie helfen einem hinterher nicht, die Rechnungen zu bezahlen, und die Bauern haben den Stress mit den Formularen.»

Hinzu kommt, dass in keiner anderen Lebensform Beruf und Familie so eng verbunden sind wie in der Landwirtschaft. «Das hat seine schönen Seiten, kann aber unter Druck zur zusätzlichen Belastung werden.» Kriselt die Ehe oder gibt es Generationenkonflikte, so frage sich manch eine oder einer, wozu sie oder er sich dieses Arbeitspensum noch antun. «Früher haben jeweils mehrere am Karren gezogen. Heute sitzt oft einer einsam auf einem Traktor, von dem aus er kaum noch den Boden sieht, den er bearbeitet», meint Buchwalder. «Ist man dann noch gesundheitlich angeschlagen, kann man ins Grübeln kommen und in die Depression rutschen.»

Existenzielle Sinnkrise

Das klingt anders als die Werbespots mit Bauernfamilien beim «Zvieri» unterm Baum oder von glücklichen Hühnern. Selbst der Slogan «Gut, gibt’s die Schweizer Bauern» kann sauer aufstossen, wenn man die Rolle als Lieferant von Bildern für eine «heile Welt» satt hat: Burnouts sind oft auch Sinnkrisen.

Es brauche mehrere Faktoren, dass jemand keinen Sinn im Leben mehr sehe, meint Kilcher. «Als Ebenrain thematisieren wir die verschiedenen Risiken durch Bildung, Beratung und Förderprogramme, um die Bauern zu stärken und fit zu machen für die Zukunft.»