Das Lobbying der Hangbewohner in Pratteln zeigt Wirkung. Der Ortsbus befährt den Südrand der Gemeinde nicht. Deshalb kämpfen die Einfamilienhausbewohner in den höheren Lagen dort für einen Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Sie lancierten eine Einzelinitiative und eine Petition mit 175 Unterschriften, es gingen Flyer um und sie gewannen die SVP für sich. Ihr Wortführer ist Walter Biegger. Im Fokus hat der 83-jährige Ex-Einwohnerrat (SVP) Menschen wie er selber, die zu Fuss nicht mehr mobil sind.

Jetzt hat der Gemeinderat diesem Druck nachgegeben. Am Montagabend soll der Einwohnerrat die testweise Einführung eines Ruftaxis beschliessen. Vorgesehen ist, dass die Hangbewohner – und nur sie – Fünf-Franken-Bons erhalten. Anrechenbar sind sie bei einem Taxiunternehmen, das nur «vom Wohnort an eine öffentliche öV-Haltestelle oder umgekehrt» fahren darf, wie es in der Vorlage heisst.

Dabei spricht nicht viel dafür, ein Ruftaxi einzuführen. Diese Art des öffentlichen Verkehrs ist immer weniger beliebt, wie die Benutzerzahlen in anderen Gemeinden zeigen. Sie haben sich zum Beispiel in Oberwil in den letzten zehn Jahren halbiert, in Bottmingen sind sie um ein Drittel zurückgegangen. Therwil schränkte das Angebot wegen der nachlassenden Nachfrage zeitlich ein.

Kommt hinzu: Vom Gesetz her ist die Gemeinde nicht gezwungen, die Prattler Hanglagen mit dem öffentlichen Verkehr zu erschliessen. Dafür ist die Wohndichte zu tief und die Entfernung zum Ortsbus zu klein. Das berechnete der Gemeinderat letztes Jahr, weshalb er damals noch gegen ein Ruftaxi war. Zudem besteht mit dem neuen Angebot die Gefahr, den erst kürzlich eingeführten Ortsbus zu konkurrenzieren, wie eine Studie festhielt.

An den Pranger gestellt

«Wir haben nicht primär über Paragrafen diskutiert, sondern eine pragmatische Lösung gesucht», sagt Gemeindepräsident Stephan Burgunder (FDP). «Rein volkswirtschaftlich gesehen, müssten die älteren Hangbewohner hinunter in besser erschlossene Gegenden ziehen, damit Familien in ihren Einfamilienhäuser wohnen können», räumt er ein. Aber viele seien stark in Pratteln verwurzelt, teilweise seit über 50 Jahren. «Und vor allem leben am Hang viele ausgezeichnete Steuerzahler, davon lebt unsere Gemeinde.» Bei aller Verdichtung brauche es auch die Einfamilienhausquartiere.

Burgunder sieht deshalb in der vorgeschlagenen Lösung keine Bevorzugung der Hangbewohner. Auch Biegger betont, dass an den Hängen gut situierte Prattler wohnen. «Sie subventionieren mit ihren Steuern den Ortbus», sagt er. Daraus schliesst er ein Recht ab: «Wir haben den Anspruch, wie die Leute im übrigen Pratteln an den öffentlichen Verkehr angeschlossen zu werden.»

Wichtig ist für ihn, dass das Ruftaxi nicht nur bis zur nächsten Haltestelle des Ortsbusses, sondern bis zum Tram oder zum Bahnhof Pratteln fährt. Das dürfe auch nicht wesentlich mehr kosten als eine gewöhnliche Fahrt mit dem öffentlichen Verkehr. «Alles andere ist eine Ungleichbehandlung der Hangbewohner.»

Diesbezüglich gibt Burgunder Entwarnung. Die Gemeinde subventioniere einfach die Ruftaxifahrten mit fünf Franken. Damit dürfe man hinfahren, wo man wolle. «Es wird wohl nur die Bestimmung gelten, dass der Endpunkt der Fahrt eine Haltestelle des öffentlichen Verkehrs sein muss.» Trotzdem macht er sich auf angeregte Diskussionen im Einwohnerrat gefasst. Bisher war beim Ruftaxi für Hangbewohner verkehrte Welt. Die ansonsten öV-affine Linke war dagegen; die Bürgerlichen, allen voran die SVP, setzte sich für die Hangbewohner ein.

Und wenn die Gemeinde nach zwei Jahren Testphase das Ruftaxi stoppt? Dann wollen die Hangbewohner nicht aufgeben. Biegger spielt mit dem Gedanken, das Schweizer Fernsehen einzuschalten. Er findet: «Man sollte die Gemeinde an den Pranger stellen, wenn sie nicht alle gleich behandelt.»