Heeja Kim erlebt gerade eine aufregende Zeit: Zum ersten Mal überhaupt finden in ihrem Heimatland Olympische Winterspiele statt. Die gebürtige Koreanerin ist nicht übermässig sportbegeistert, doch in diesen Tagen klebt sie am Bildschirm. Kim ist derzeit eine gefragte Persönlichkeit: In der Olympia-Talksendung «Chaempieon» von SRF wird sie am 20. Februar einem koreanischen Komiker das Jodeln beibringen.

Das Engagement beim Fernsehen kommt nicht von ungefähr: Kim ist die wohl bekannteste Migrantin unter den hiesigen Jodlern und Brückenbauerin zwischen der Schweiz und Korea. «Vom hiesigen Brauchtum versteht sie mehr als die meisten Schweizer», ist ihr heutiger Lebenspartner Dieter Brodtbeck überzeugt. In der Baselbieter Tracht empfängt die 65-Jährige die «Schweiz am Wochenende» in ihrer Wohnung in Bottmingen und erzählt aus ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte.

Paul Meier war ihr Mentor

Kim kam 1977 in die Schweiz. Eigentlich, um hier zu studieren. Doch sie merkte bald: Mit ihrem Aufenthaltsstatus und ihren finanziellen Mitteln wird das nichts. «Also sagte ich mir: Bevor ich wieder nach Hause reise, versuche ich, etwas typisch Schweizerisches zu erlernen.» Der Komponist und Chorleiter Paul Meier aus Ramlinsburg und seine Frau Sonja nahmen Kim unter ihre Fittiche und brachte ihr als Erstes «Uf der Höchi» bei. Kim singt den Baselbieter Jodel-Klassiker noch heute.

«Anfänglich verstand ich kein Wort, was ich da sang», sagt Heeja Kim und lacht. Eine junge Koreanerin, die jodelt – in der nicht gerade weltläufigen Schweiz jener Zeit war das eine Sensation, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Prompt engagierte Ländlerpapst Wysel Gyr Kim als Vorzeigedame für eine Fernostreise einer Schweizer Volksmusik-Delegation. Dann verblüffte sie Walter Andreas Müller, als sie zum Interview bei Radio DRS Langspielplatten mit eigenen Songs mitbrachte. Dass diese Jodlerin unter ihrem Künstlernamen Kim Myung Hee (Cover unten) in Korea eine bekannte Folkpop-Sängerin war – das hatte der Moderator nicht erwartet.

Die Liebe zum Jodeln und zu einem Mann liess Kim schliesslich doch in der Schweiz bleiben. «Dass ich mein Heimatland hinter mir liess, haben viele nicht verstanden», sagt Kim. Ihre Freunde aus der Musikszene von Seoul nicht, mit denen sie erfolgreich zusammenarbeitete. Aber auch ihre Mutter und die fünf Geschwister nicht. «Ich war das schwarze Schaf der Familie. Meine Abenteuerlust und mein Drang, neue Wege zu gehen, wirkten fremd auf sie», erinnert sich Kim. In den 70er-Jahren mutete ein Flug nach Europa für viele Koreaner wie eine Reise auf einen anderen Stern an. Südkorea befand sich damals gerade in der Transformation vom armen Agrarland zur Industrienation. «Um einen Reisepass zu erlangen, musste man zuerst einen Benimmkurs absolvieren. Ich kannte niemanden, der wie ich ins Ausland fuhr.»
Mutter: «Du wirst einsam sein»

Als Kim von Seoul Richtung Zürich abreiste, nahmen 30 Familienangehörige am Flughafen Abschied. Von der Schweiz hatten viele nur ein vages Bild. «Meine Mutter sagte: ‹6 Millionen Menschen leben in diesem Land – Du wirst Dich sehr einsam fühlen.›» Seoul war schon da eine Stadt mit 16 Millionen Einwohnern. «Da ist rund um die Uhr etwas los.» In der Schweiz musste sich Kim an einiges gewöhnen: Wenn sie abends noch schnell etwas zu essen einkaufen wollte, stellte das bereits eine Herausforderung dar – Coop Pronto und Döner Kebab gabs noch nicht.

Dennoch habe sie keinen Kulturschock erlebt, betont Kim. «Am Anfang war für mich in der Schweiz alles neu und interessant.» Das Jodeln war ein wichtiger Türöffner in die Gesellschaft: «Ich wurde überall mit offenen Armen empfangen.» Die angebliche Skepsis in der Ländlerszene gegenüber Fremden hat Kim nie erfahren. Dank der Musik lernte sie rasch Schwyzerdütsch. «Das Jodeln half mir auch, Feinheiten in der Sprache und Mentalität zu erkennen.» Ein Beispiel ist das «Fänschterle» (vor dem Fenster eines Mädchens musizieren und um sie werben). Als sie von der Jodellehrerin erfuhr, was das bedeutete, musste sie laut lachen. Heute singt sie am liebsten im Berner Dialekt. «Da gibt es viele schöne Lieder von tollen Komponisten.» Weniger sagt ihr der Innerschweizer Dialekt zu, der für sie hart und schwierig auszusprechen wirkt.

Kim hat in den vergangenen 40 Jahren an vielen regionalen sowie eidgenössischen Jodlerfesten teilgenommen und Höchstnoten erhalten: «Eine wirklich sehr miterlebte Darbietung, die dazu noch echt älplerisch wirkt», heisst es im Jurorenbericht des eidgenössischen Jodlerfests von 2008. Ihre Kinder hingegen zeigten lange Zeit wenig Verständnis. In einem Beitrag des Schweizer Fernsehen von 2014 sagt ihre erwachsene Tochter, dass sie die Mutter früher etwas «peinlich» gefunden habe, wenn sie im Auto bei offenem Fenster jodelte. Heute könnten sie das besser nachvollziehen und sie seien stolz, versichert sie.

2014 erfüllte sich Kim einen lange gehegten Wunsch und veröffentlichte als erste Künstlerin überhaupt eine CD mit Jodel-Liedern auf Schweizerdeutsch und Koreanisch. In beiden Sprachen singt sie bekannte Volkslieder und Jodel-Klassiker wie «Ds Vogellisi vo Adelbode», «Das alte Guggisberger Lied», «Dr Schacher Seppli», aber auch Polo Hofers und Hanery Ammans «Alperose». Mit dem Erlös unterstützt sie den Inil Girls Highschool Yodel Choir in ihrer Heimatstadt Incheon, den sie 2012 selbst gegründet hat. Dazu muss man wissen: In Südkorea gilt Jodeln als cool und ist als Hobby auch bei Jungen beliebt. Im 50-Millionen-Einwohner-Land gibts mittlerweile an vielen Schulen und Universitäten einen Jodelverein. Im Herbst wird der Koreanische Jodlerverband sein 40-Jahr-Jubiläum feiern – Heeja Kim wird dabei sein.

Koreaner lieben die Schweiz

Doch weshalb interessieren sich die Koreaner für Volksmusik aus den Alpen? «Die Schweiz ist in der Vorstellung vieler das Paradies», sagt Kim. Trotz riesiger kultureller Unterschiede gebe es auch einige auffällige Gemeinsamkeiten. So seien die Koreaner «Chrampfer» wie die Schweizer, sagt Kim. Auch deshalb sei in beiden Ländern der Stolz auf eigene Produkte gross. Zudem habe es in Korea viele Berge – bloss seien diese einige Etagen tiefer als die Alpen. Wenn Kim die beiden Länder so vergleicht, gerät sie ins Grübeln. Ist sie nun eher Koreanerin oder Schweizerin? «Schweizerin», schiesst es Dieter Brodtbeck heraus und er betont, dass sich seine Partnerin aufrege, wenn in Korea Bekannte zu spät zu einer Verabredung kämen.

Auf dem Papier ist der Fall klar: Heeja Kim hat längst den Schweizer Pass und deswegen ihren koreanischen abgeben müssen; ihr Geburtsland kennt keine Doppelbürgerschaft. Doch sie kann sich nicht so richtig entscheiden: «Wenn ich in Korea bin, habe ich Heimweh nach der Schweiz. Und hier denke ich die ganze Zeit an Korea.» Dieses Leben in zwei Welten wirkt zerreissend und bereichernd zugleich. Nun, während der Olympischen Spiele, überwiegt das zweite, positive Gefühl. «Ich kann von hier aus die Spiele in meinem Heimatland verfolgen und den Sportlern beider Nationen die Daumen drücken.»